Jean-Christophe_Grang_233_-_Im_Wald_der_stummen_Sc


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Thriller
Vollstndige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lbbe GmbH & Co. KG erschienenen Werkes
Lbbe Digital in der Bastei Lbbe GmbH & Co. KG
Titel der franzsischen Originalausgabe:
La Fort des Mnes
Copyright 2009 by ditions Albin Michel
Published by arrangement with
ditions Albin Michel, Paris
Fr die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright 2011 by Bastei Lbbe GmbH & Co. KG, Kln
Textredaktion: Boris Heczko, Mnchen
Umschlaggestaltung: Rolf Hrner, Bergisch Gladbach
Umschlagmotiv: shutterstock / Andreas Gradin
Datenkonvertierung E-Book:
SatzKonzept
ISBN 978-3-8387-0431-9
www.lesejury.de

Das war's. Genau das.
Die Prada-Pumps, die sie in der
Lcheln. Jeanne
rem Schreibtisch. Endlich hatte
sie die passende Garderobe fr den Abend beisammen. So-
wohl was die Form als auch was
anlangte.
Sie berprfte ihr Handy. Keine Nachricht. Sie hatte ein
flaues Gefhl im Magen, strker noch als die bisherigen Male.
Weshalb rief er nicht an? Es
war schon nach vier. War es
nicht zu spt, um die Verabredung zum Abendessen zu best-
tigen?
htten? Sie wrde vor sieben
Konto bereits um 800 Euro berz
ogen. Nach diesem Einkauf
wrde sie mit mehr als 1300 Euro in der Kreide stehen.
gen berwiesen. 4 000 Euro. Kein Cent mehr, Prmien einge-
schlossen. Den nchsten Monat wrde sie also ein weiteres
Mal mit einem Drittel weniger von ihrem Gehalt auskommen
ses Geschick darin, mit berzogenem Konto zu leben.
ndere sein. Nicht wiederzuer-
Aber wieso rief er nicht an? Dabei hatte er am Vorabend
mmen. Zum hundertsten Mal ff-
altigt ja oder nein?
chter seiner Geliebten?
Wir knnen doch leicht das Gegenteil beweisen, oder?
In diesem Fall ist nichts leicht.
Wie viele Stunden haben wir noch?
nicht einmal mit der Wimper gezuckt.
Kannst du laut sagen. Ich werde ihn mir nochmals vor-
jektive Wahrheit. Die Gerechtigkeit ist eine menschliche An-
gelegenheit. Unvollkommen, Schwankungen unterworfen,
kaum erwarten. Sie hatte nicht aufgehrt, in Phantasien zu
Hoffnungen wiederzukuen, um schon in der nchsten Se-
kunde in totaler Verzweiflung zu versinken. Mehrmals stand
sie kurz davor, selbst anzurufen. Aber nein. Niemals. Sie
prechen, gemeinsam zu Abend
selbst kmmern. Dumme Sprche, mit denen sich vom Pech
wegzutrsten suchten. Die ewig Sitzengelassenen und Zu-
kurzgekommenen. Sie warf ihren
Ihr Bro befand sich im dritten Stock des Gebudes, in
dem das Landgericht von Nanter
rer und der ihrer Mitarbeiterin
Claire. Sie hatte Claire um vi
er freigegeben, um ungestrt vor
sich hin zu trumen.
durchhalten wrde. Ihr Blick fiel
stelle von Frau Jeanne Korowa. Ermittlungsrichterin beim
Landgericht Nanterre. In ihrem
Geist hrte sie die Formeln
widerhallen, mit denen sie gew
Akte dem nchsten Richter, der Bereitschaftsdienst hat. Willst
du, oder nicht?
Worum handelt es sich?
Ein anonymer Bericht. Ein schner kleiner politischer
Welches Lager?
wrde er salutieren.
Ganz rechts, Herr General!
ihr Beruf war tatschlich ihre Berufung. Sie war erfllt von
ihrer Aufgabe. Dem Bewusstsein
ihrer Macht. Ihrer Stellung
selbst.
Scheu und Schamhaftigkeit befreite. All dies schwebte ber
ihrem Kopf wie ein Bustier oder
ein String-Tanga, bis sie end-
lich die wahre Freiheit erre
Gleichzeitig hrte Jeanne die Warnungen von Freundin-
nen: Thomas? Ein Schrzenj
ger. Ein Weiberheld. Ein
war schon zu spt. Der Cham-
Abwehrsystem. Er hatte sich
ihr genhert. Hatte mit seiner Verfhrungsnummer begonnen,
die im Grunde recht erbrmlich war. Aber jenseits der Scher-
ihre Antwort wider.
angefangen. Der erste Kuss war zu schnell gekommen. Noch
am selben Abend im Auto. Und wie ihre Mutter zu sagen
pflegte, ehe sie durchdrehte: Fr die Frau ist der erste Kuss
Ende. Jeanne machte sich Vorwrfe, weil sie so schnell
nachgegeben hatte. Weil sie es
m wachsen zu lassen.
Um das Ma voll zu machen, hatte sie sich ihm anschlie-
end mehrere Wochen verweige
klar: Er war der Fordernde, si
schtzte sie sich bereits ... Sie wusste, dass sie mit ihrem Kr-
Thomas war ein guter Fotograf, keine Frage. Aber ansons-
stimmt nicht sympathisch. Geizig, egoistisch und feige, wie
die meisten Mnner. Tatschlich
Gemeinsamkeit: zwei Stunden
Psychotherapie pro Woche.
Und ihre tiefen seelischen W
suchten. Wenn sie darber nachdachte, konnte sie sich die
Tatsache, dass sie sich auf den er
durch die ueren Umstnde er
klren. Der richtige Ort. Die
einem fort einer Selbsthypnose.
Die Liebe der Frau: die einzi-
ge Domne, wo das Ei die Henne legt ...
iff. Sie hatte eine sichere
an einem Lied nicht satth-
Lass sie nicht fallen / sie ist so zerbrechlich /
Damals hatte
er Worte nicht verstanden, doch
sie ahnte, dass dieses Lied au
f geheimnisvolle Weise ihre Zu-
kunft besiegeln wrde. Sie hatte Recht behalten. Heute war
ne unabhngige, emanzipierte
Zeugenvernehmung und fragte sich dabei immer, ob sie auf
dem richtigen Weg war. Ob dies das Leben war, von dem sie
Was sie wtend machte, war die Tatsache, dass diese Situ-
trieben, dass sich die Frauen gezwungen sahen, ihren Traum
Und wozu dies alles? Um im Berufsleben zu bestehen und
Trumen nachzuhngen, whrend
sie ihr Lexotanil mit einem Gl
as Wein hinuntersplten. Das
nannte man dann Fortschritt.
Anfangs waren sie und Thomas das perfekte moderne Paar
gewesen. Zwei Wohnungen. Zwei
rungen. Einige gemeinsam verbrachte Abende pro Woche
und, um das Ma voll zu machen, ab und zu ein Wochenende
in trauter Zweisamkeit in Deauville oder andernorts.
sprechen Verlobung, Zusammenziehen oder auch
geworden. Was machte Thomas eigentlich an den brigen
Abenden, wenn sie sich nicht trafen?
Bei Brnden kommt es gelegentlich zu einem Phnomen,
nennen. In einem geschlossenen Raum
zehren die Flammen den gesamten Sauerstoff auf, ehe sie die
und in den Fensterrahmen sowie durch Mauerrisse. Der im
Zwischenwnde, Fensterrahmen und Scheiben verformt, bis
den Brand, der immer strker wir
d, bis er in einem Feuerball
flashover
Hoffnung abgeschirmt hatte, hatte sie ihre Ressourcen aufge-
wartungen vorgeschoben hatte, war schlielich weggefegt
worden und hatte grenzenlose Wut, Ungeduld und malose
Die Anschrift?
Rue du Quatre-Septembre 14, im 2. Arrondissement.
Ihre Privatadresse?
Blut ist stark erhht. Goma hat
eine Bleivergiftung. Sie muss
Jeanne hielt inne. Ihr Zeuge
hielt den Atem an und starr-
nden sich in seiner Leber,
Diesmal wollen die Bewohne
Wissen Sie, wie lange die Bearbeitung solcher Antrge
dauert? Wollten Sie warten, bi
Kind aus der Avenue Georges-Clemenceau 6 an Bleivergif-
tung. Sie haben die Wohnungen noch immer nicht besichtigt,
um den Sanierungsaufwand abzuschtzen.
Wir waren vor Ort.
Wo sind die Berichte? Wo
der Firmen? Von Ihrem Bro haben wir nichts dergleichen
Perraya fuhr sich mit der
te sich abermals die Hnde an seiner Hose ab. Grobe, schwie-
t vom Bauhandwerk, dachte
Jeanne. Er wusste also, worum es ging.
Wir haben die Giftbelastung
Obwohl Ihnen das Gutachten und die Laborbefunde der
Opfer vorlagen?
Seite um und fuhr fort:
Wegen dieser Todesflle
sundheitlichen Beeintrchtigungen hat das Berufungsgericht
von Versailles in seinem Urteil vom 23. Mrz 2008 den Op-
Es htte damit sein Bewenden haben knnen, fuhr sie
fort, aber mehrere Familien haben mit Untersttzung zweier
zeige gegen Sie und die Eigentmer
Sie erinnert sich daran, dass Sie am 17. Juli 2003 zusam-
men mit dem Eigentmer das Gebude in der Avenue Geor-
ges-Clemenceau 6 aufgesucht haben.
Perraya, fr Ihre Fahrten
benutzen Sie ein Abonnement
Abonnement fr Geschftskun-
ren?
Keine Antwort.
Am 17. Juli 2003 haben Sie ein Taxi bestellt, einen hell-
grauen Mercedes mit dem Kennzeichen 345 DSM 75. Die
zwei Tage zuvor erhalten. Sie
wollten sich selbst ein Bild von den Schden machen. Von
dem Gesundheitszustand der
Dunant, murmelte er. Er he
it Michel Dunant. Er ist
Mehrheitseigner von mindestens
zwei Aktiengesellschaften,
gentmer.
Monsieur Perraya, was war mit Tina Assalih?
die Stirn mit dem rmel ab und fuhr fort: Er wollte sie v-
Was hat das mit den Sanierungsarbeiten zu tun?
Eine Erpressung?
Geh ich in den Knast?
nur daran, sich selbst, seine Familie und seinen Komfort zu
versuchten ein normales Leben zu fhren, an gewhnliche
Grau zu sehen. Bis zum nchsten Schock, zum nchsten Hor-
ror.
Sie kramte in ihrer Tasche
und nahm ihr Handy heraus. Bestimmt hatte Thomas angeru-
fen. Um sich zu entschuldigen, ihr einen anderen Termin vor-
zuschlagen ... Keine Nachricht. Sie brach in Trnen aus.
Claire hielt ihr hastig ein Kleenex hin.
Sie drfen sich das nicht zu Herzen nehmen, sagte sie,
den Grund verkennend. Es gibt viel Schlimmeres.
unser Unglck, wie ihr Mentor Emmanuel Aubusson zu sa-
Sie mssen sich beeilen, sa
gte ihre Mitarbeiterin. Sie
Und danach? Ein Mittagessen?
Ja, mit Franois Taine im
Mist.
Das sagen Sie jedes Mal. Und dann kommen Sie um halb
Jeanne wandte sich zu der Stimme um. Halb eins. Sie war
unterwegs zum Ausgang gewesen und trumte von einer kal-
die Klimaanlage im Gerichtsge-
ihr. Der Mann hatte ihr am
Vorabend die obskure Akte angedreht. Leinenhemd, Umhn-
Elementen. Und dann, eine anonyme Anzeige ... Man muss
Ich kenn mich weder im Waffenhandel noch bei Flugzeu-
gen aus. Ich wusste nicht einmal, dass Osttimor ein Land ist.
sischen Insel. Ein souver-
ner Staat. Einer der brisantesten Konfliktherde weltweit.
Sie hatten die Sicherheitsschl
schwitzt. Reinhardt grinste. Mit seiner lssigen Aktentasche
glich er einem coolen Lehrer, der jederzeit mit seinen Sch-
Was eine Cessna ist, wei ic
automatische Waffen transportiert! Waffen, die bei einem
Niemand hat davon gehrt. So
ist es mit allem, was Ost-
mnnlichen Reizen hatte sich ih
nicht manisch-depressiv wurde.
Ich wei nicht, was gerade m
it mir los ist. Ich knnte alles
Erschtterung nicht anmerken
zu lassen. Franois Taine starrte der fortgehenden Bedienung
n Blick von dem kleinen Po ab
cheln brachte unmissverstndlic
nne einschloss. Sie nahm es
ihm nicht bel. Ihre Freundschaft hatte vor zehn Jahren auf
der Nationalen Hochschule fr das Richteramt in Bordeaux
begonnen. Taine hatte damals sein Glck bei ihr versucht.
einmal probiert. Beide Male ha
gewiesen.
Was nimmst du?, fragte er.
Wie alle Pariserinnen tat auch Jeanne so, als wrde sie seit
die Karte, traf ihre Wahl und
sah sich dann um. Das
der Nhe der Place de l'toile. Mit gefirnisstem hellem Holz
Ihr Blick kehrte zu Taine zurck, der mit hochgezogenen
als wre es eine feurige An-
klagerede. Taines Krper war so steif wie eine Teleskopan-
tenne. Strohiges Haar. Markante Gesichtszge. Das Aussehen
gentlich nicht zu einem erfah-
Ermittlungsrichter in Nanterre sein Bro befand sich neben
dem von Jeanne , gehrte zu jenen, die Jacques Chirac nach
dem Ende seiner Amtszeit vorgeladen hatten.
Er nickte mit einem spttischen Lcheln.
Taine legte die Hnde aufeina
der dem Beschuldigten eine le
tzte Chance gibt, ehe er ihn
Natur des Begehrens bei uns Mnnern.
Die meisten von uns sind hinter schnen, eleganten und
schlanken Frauen mit Modelfigur her. Aber das tun wir, um
Am Sonntagnachmittag war die berhmte Audrey bei mir
zu Gast. Erinnerst du dich noch, wie hei es an dem Tag war?
Wir hatten die Fensterlden geschlossen. Die Leintcher wa-
Du verstehst?
kunden gebraucht, um zu bemerken, dass jemand in meinem
Schlafzimmer war.
Was hast du gemacht?
Ich bin in eine Unterhose geschlpft und hab Audrey ge-
ehen. Ich wohne ganz oben, im
Aufzug. Auf dem Treppenabsatz
sah. Sie hat mir zwei, drei
gesagt und sprach mich dann noch auf den Scheck fr das
Schulessen an. Immer die gleichen
Geschichten. Fr mich war
udreys Sonnenbrille auf einem
Bcherregal neben dem
Hat sie sie auch bemerkt?
Nein. Als sie auf die Uhr sah, habe ich die Gelegenheit
genutzt, um die Brille in me
iner Hosentasche verschwinden
Wenn sie nichts bemerkt hat, wo ist dann das Problem?
Der Staatsanwalt rief vom Tatort aus an und bat mich, so-
fort zu kommen. Ich wurde auf der Stelle mit dem Fall be-
traut.
Und was ist mit der kriminalpolizeilichen Vorermittlungs-
frist?
Paragraph 74 StGB Ermittlung der Todesursache. An-
gesichts dieses Gemetzels wollte die Staatsanwaltschaft sofort
einen Richter einschalten, der die Ermittlungen koordiniert.
Jeannes Neugier wuchs. Beschreib mir die Umstnde.
Die Leiche wurde im tiefsten Untergeschoss gefunden.
Wie alt?
Recht hbsch. Pummelig. Vielleicht entsprach sie einem
bestimmten Typ, auf den der Mrder steht. Wie immer in die-
sen Fllen werden wir schlauer
zuschlgt.
Was weit du noch?
wirr im Lokal. Die khle Luft aus der Klimaanlage.
Im Augenblick ist das alles.
mir aber keine groen Hoffnungen.
ge Vorbereitung erkennen. Ich bin mir sicher, dass der Kerl
Vorsichtsmanahmen ergriffen
Von Schuhen?
Was fr ein Ritual?
rische Zeichnungen. Und dann diese Sache mit dem Kanniba-
lismus ...
em Punkt sicher?
Ja. Er muss den Farbstoff mitgebracht haben. Wir haben
es mit einem echten Psychopathen zu tun. Wenn du willst,
Legt ihr diese Zeichnungen Anthropologen vor?
Die Kripo kmmert sich darum.
Taine lachte auf. Jeanne zuckte zusammen.
Was ist?
Kennst du Langleber, den Rechtsmediziner?
des Mal kommt er dir mit ei-
nem unglaublichen Spruch.
Jeanne lie die Krmel falle
Bei Kerzenschein und Champagner?
Warum nicht?
bringen. Ihren mrderischen Wahn zu entschlsseln. Die
Grausamkeit im Reinzustand zu bekmpfen.
n sie am Landgericht Nanterre
Am nchsten Morgen waren Mnner gekommen. Sie hat-
ten vom Bahnhof von Courbevoi
den. Die Polizisten glaubten, die Leiche sei am frhen Mor-
gen dort abgelegt worden, nachdem das Mdchen an einem
Trance erlebt. Die Besuche der
in der langsamen, kraftlosen Redeweise, die fr unheilbar
sie ihr gestanden, dass sie im-
mer ihre Lieblingstochter gewesen war.
ter hatte sich aus dem Staub ge
macht; nie wurde ber ihn ge-
mindest ihre Mutter. Es war
Mehr noch als die Ermordung
Maries hatten diese Worte
Jeannes Berufswahl bestimmt. Si
e fhlte sich schuldig. Sie
hatte eine moralische Verp
tigten Frauen. Geschlagenen
opfern. Sie wrde Ermittlungsrichterin werden. Sie wrde die
kurze Erfahrung als Ermittlungsrichterin wrde ihr helfen, die
Nicht der leiseste Hinweis. U
en am Torso. Die gleiche blonde Percke. Die gleichen wei-
Jeanne hatte sich informiert. Bellmer war ein deutscher
Maler und Bildhauer des 20. Jahrhun
sie zum ersten Mal seine men-
so hatte der Krper ihrer verstmmelten Schwester ausgese-
hen. Sie hatte mehrere Reisen unternommen. Museum of
Centre Pompidou durchmessen.
oder Gendarmerie gewandt. Sie suchte nach einer Spur von
bleiben, Madame. Das ist ...
Ich ... Ich fahre in die Tiefgarage.
ng ein und lenkte den Wagen in
die Einfahrt zum Untergeschoss.
sicht war trnenberstrmt.
sie endlich das fremdartige Gerusch im Fahrgastraum zuord-
nen. Es war ihre eigene Stimme, die zhlte:
Das kleine Mdchen am Fu des Baumes.
Pau. Ein maschinengeschriebener Bericht vom Februar 2008.
Eine Mitteilung vom Finanzamt des Departements Hauts-de-
Seine, das einige der in der Anzeige gemachten Angaben be-
sttigte.
auf der Welt, die sich genauso
verkehr interessierten, E-Mails gesandt ohne greifbare Er-
gebnisse. Sherlock Holmes war
an seine Grenzen gestoen.
September 2006. Er war mit seinen Unterlagen ins Polizei-
der ihn empfing, seiner Geschi
chte aufmerksam zugehrt.
der australischen Stadt Darw
in ausgeflogen und war mittler-
Demokratie. Das wrde fr erhebliches Aufsehen sorgen.
Straftat vorlag. Gegen Osttimor war kein Embargo verhngt
worden. Daher war es auch nicht verboten, Waffen dorthin zu
liefern. Das Problem war die Id
entitt der Empfnger: Rebel-
n, dass die Waffen in falsche
Armee oder die Sicherheitskrfte
S behaupten. Jeanne malte
sich ihre Vernehmungen aus.
zte Manager, die einem ir-
len. Jeanne fiel der ironische Beiklang des Firmennamens auf,
stbert und ihre Telefone ab-
gehrt worden ganz zu schweigen von dem Druck, den
Aber das Wichtigste fehlte hier. Die Beweise. Wenn Jean-
ne sich dieser Sache annehmen wrde, musste sie beweisen,
dass Gimenez zum Zeitpunkt der Ausfuhr der Waffen im Ver-
teidigungsministerium intervenie
rt hatte. Sie musste bewei-
erbracht worden waren. Sie musste den Weg des Geldes von
der Firmenkasse in die Parteikasse der PRL akribisch genau
die Taschen von Bernard Gimenez.
dort Kommissar ric Hatzel,
Wie geht's dir, Korowa?
den vorlufigen Ermittlungsantrag, und du sagst mir, was du
her war die vom Ermittlungsri
Ich komme Montag vorbei,
um die richterlichen Anord-
nungen abzuholen. Heute Abend beginne ich schon mal mit

gebnis. RAS machte seinem
Namen alle Ehre. Dennoch sprte
Machenschaften weitergingen. Vielleicht waren diese Mnner
fhlig zu sagen pflegten , um
immer an einem bestimmten Punkt erlischt ...
An welchem Punkt?
Bis zum Tod Christi glaube ich alles. Aber danach geht
nichts mehr. Die spteren Wunder kann ich nicht glauben. Die
Auferstehung. Die Rckkehr Jesu zu den Aposteln. Unmg-
Aber Ihr Vater hat das Neugeborene systematisch bevor-
fr mich gewesen. Ich war
is fr diese Neigung meines
Vaters. Im brigen kam mein Gl
mich erfllt hat und mich dazu brachte, sehr frh von zu Hau-
Antoine Fraud schwieg. Der
Priester schnalzte mit den
Lippen. Bestimmt hatte er ei
man mit dem Kopf auf dem Kis-
sen liegend sprechen musste, hatte man keinen Speichel mehr
im Mund und zu viel Blut im Kopf.
Praxisrume vor. Der lackiert
Sessel in der Nhe der Couch, mit dem Rcken zum Fenster.
jenem Abend hatte er geflster
t: Du bist meine grne Fee ...
Was machen Sie da?
Wir holen Taine ab.
aus seinem Bro trat, sein Sakko berstreifend, in der anderen
Hand seine Aktentasche. Seine Assistentin folgte ihm auf den
Was ist los?, fragte Jeanne.
Taine bewegte die Schultern,
Ich fahre hin. Es ist im Departement Seine-Saint-Denis. Die
den Fall an uns abgegeben.
neben ihm Platz. Die Richter und
Der Fahrer machte einen groen Bogen um Paris und fuhr
gefgt, dass sie solche Probleme
kniff es sich. Si
e war hier als
ersten Mord?, fragte Tai-
ne zurck. Ich meine, was den
gen. Man hat nicht einmal das
en. Wie jedes Mal, wenn sie durch dieses Gewirr von Fabri-
, fragte sie sich: Wie konnte es
kommen?
eine Verbindung zwischen dem
ausfindig gemacht hatte. 4, 5, 6 ... Begreifen, weshalb der
Hat man schon begonnen, mgliche Zeugen zu befra-
gen?, fragte Taine.
nehmen die Wachleute, die Nac
niemand. Jedenfalls geht der Mrder meines Erachtens mit
khlem Kopf ans Werk. Er plant
schlgt.
erste Mordopfer? Ich habe
noch immer nicht den Bericht
des Rechtsmediziners bekom-
men.
Ich auch nicht. Heute Morgen habe ich mit dem Arzt ge-
schen Analysen sollen noch heute vorliegen. Aber vermutlich
rauskommen. Wir wissen bereits,
dass der Mrder dem Mdchen die Kehle durchgeschnitten
hat, es ausbluten lie und bestimmte Teile seines Krpers
verzehrte.
Und was ist mit mglichen Tatverdchtigen? Verwandte?
Kollegen? Haben die Ermittlungen in ihrem Umfeld was ge-
bracht?
hatte einen Verlobten. Wir
haben ihn vernommen. Harmlos.
sich auf Taines Arm. Mit eingezogenen Kpfen stapften sie
zur Eingangstr, whrend Leroux seine Dienstmarke zckte,
um durch die Absperrung gelassen zu werden. Jeanne war
amm. Die industrielle Atmo-
Labor fr Amniozentese nicht
Ein Hauptmann der zustndigen Gendarmerie-Brigade kam
ende Gestank von gegrilltem
Was ist das fr ein Geruch?, fragte Jeanne.
Der Hauptmann drehte sich irritiert zu ihr um. Seit sie los-
mittlungsrichter fr einen Fall, das war einer zu viel ...
hen?, fragte Taine.
Der Hauptmann klemmte seine Taschenlampe unter die
hob er die Plane an, die das Opfer bedeckte. Die elektrische
Lampe unter seiner Achsel traf die Leiche wie zufllig. Jean-
rden weich. Um nicht zu str-
zen, rief sie sich in Erinner
jahrelanges Studium hinter sich
Denken wie ein Richter und nur wie
ein Richter.
Es gab mindestens fnf Leichenteile.
schmutzigem Wasser umsplt.
Pltzlich bemerkte sie das Schweigen, das sie umgab. Alle
waren in gleicher Weise verstrt: Taine, Reischenbach, Le-
Hauptmann seine Taschenlampe
cht. Jeanne nahm ihm die
hatte Recht. Der Mrder hatte
die Scham herausgebissen oder
rum ausgespuckt. Jeanne war
keine Pathologin, aber sie vermut
wollte. Wie die Papua, die das Herz oder das Gehirn ihrer
Feinde verzehren, um sich ihre Fhigkeiten anzueignen. Wor-
te fielen ihr ein. Worte, die
man ihr vor der Erstkommunion in
hatte: Wer mein Fleisch isst
und mein Blut trinkt, der blei
bt in mir und ich in ihm.
... Um sich wieder in die Gewalt zu
bekommen, gab sie dem Hauptmann die Lampe zurck und
wandte sich an Taine.
Er hngt das Mdchen dort oben auf, mit dem Kopf nach
unten. Er zerschmettert ihr da
Der Gerichtsmediziner richtete
seine methylenblauen Au-
gen auf sie. Anerkennend meinte er:
Wanne oder einem anderen Behltnis.
Was macht er damit?, fragte Taine.
Langleber musterte ihn und Jeanne. Zwei Richter zu dem
Preis von einem. Der Gedanke
schien ihn zu amsieren.
trunken haben. Noch warm.
Was die Technik anlangt, ja. Das Opfer weist an den
aufhngte?, fuhr Jeanne fort.
Ja. Damit das Blut herausschiet, muss das Herz schla-
Taine schttelte stumm den
gegend gesehen? Ich glaube, dass
Wieso als Erstes?, fragte Taine.
Krperteile brt. Er hat ein
besonderes Verhltnis zur Gebrmutter.
Jeanne musste wieder an ihre Hypothese denken.
Anschlieend reit er ihr die vier Gliedmaen ab. Euer
Typ muss ungeheuer stark sein.
verdreht den Arm oder das Bein
reit.
Das haben mir die Techniker vom Erkennungsdienst ge-
Da liegen sie daneben. Nach den Analysen vom ersten
Gewalt durch Gewalt heilen ... Wer wei? Vielleicht will der
Mrder unsere Gesellschaft
um Blutspritzer. Doch wenn man genauer hinsah, erkannte
man, dass es sich um Teile von Abdrcken handelte. Ge-
krmmte, verstmmelte, rtselhafte Formen.
en, um genauer zu sein. Ich gl
aube, dieser Irre zieht sich
nackt aus und tanzt um sein Opfer herum.
Taine hatte bereits auf dieses
zierlich, bemerkte Jeanne.
Knnten sie von einer Frau stammen?
Faust geballt. Er sttzt sich mit geballten Fusten auf dem
h, ein Hne von marmorner Re-
ger mit kantigem Gesicht und Hornbrille sowie dichtem, ge-
welltem Haar, einst blond und heut
e grau. Seine Miene wirkte
sern erinnerten an Eiswrfel in einem Glas Whiskey. Ein Ge-
Bitte stellen Sie Ihre Fragen!
ten vor dem massiven Schreibtisch Platz genommen.
reinander und erwiderte im
Erzhlen Sie uns von dem Opfer.
Pavois erging sich in einer klassischen Lobrede. Eine ein-
zigartige Mitarbeiterin. Eine
charmante Frau. Unvorstellbar,
Beraterin wofr?
Erstellte sie Karyogramme?
auf seinem Sockel schwankte.
Weshalb diese Fragen? Stehen
hung zur Tat?
Wir knnen nicht ausschlieen, dass es einen Zusammen-
hang zwischen diesen Arbeiten und dem Mordmotiv gibt, er
-klrte Taine.
Sie scherzen wohl?
Sie haben von Trisomie gesprochen. Kann die Analyse
des Karyotyps bestimmte Kra
Wofr?
Fr ein anomales Ergebnis.
Fehlbildung zur Welt kam.
Wenn Sie wssten, mit was fr Motiven wir in unserem
Beruf konfrontiert werden.
Ich meine, das wre
wirklich
absurd. Wenn ein
Karyogramm eine Anomalie zeigt
fr dieses Problem verantwortli
ch zu machen. Aber vor allem
fhrt, um die Geburt eines behinderten Kindes zu verhindern.
Die Amniozentese wird rechtzeitig vor der Geburt vorge-
nommen, um gegebenenfalls ei
unterlaufen wre? Wenn Sie
die Anomalie nicht entdeckt
zur Welt gekommen wre?
Pavois wirkte konsterniert. Trotzdem umspielte noch im-
mer ein leises Lcheln seine Lippen.
Nein, erwiderte er. Unsere Verfahren sind zu hundert
Prozent zuverlssig.
warefehler gehabt?
arbeiten. Wir befolgen drastisc
he Sicherheitsmanahmen. Wir
nie von einem Problem in unserer Branche gehrt. Weder hier
Nichts und niemand schien ihn erschttern zu knnen. Der
Das musste Taine genauso berraschen wie Jeanne.
Der Mord an Nelly Barjac scheint Sie nicht besonders zu
berhren. Sie wirken nicht einmal berrascht ber die un-
glaublichen Umstnde ihres Todes.
Ich nehme die Welt so, wie sie ist. Wenn ich in den Zei-
tungen von der Welle der Gewalt in unserer Gesellschaft lese,
dann muss ich mich damit abfinden, dass diese Gewalt auch
an meiner Tr anklopfen kann.
fuhr der Forscher mit der
keins habe. Ich habe in mein
Kann man Unfruchtbarkeit mit Hilfe von Karyogrammen
nachweisen?
Ja, gewisse Chromosomenanomalien knnen die Fort-
tigen. Auerdem knnen wir
tisch absichern. Lernschwierigkeiten zum Beispiel. Wir ana-
manchmal einen Namen geben.
Jeanne musste wieder an ihre ursprngliche Idee denken.
ma rchen und sich gleichzeitig die Fruchtbarkeit von Nelly
Barjac aneignen wollte, indem sie Teile ihres Krpers ver-
zehrte. Aber wie passte das zu dem ersten Opfer, der Kran-
kenschwester, und der gewaltigen Krperkraft des Mrders?
Als Pavois aufstand, besttigte sich das, was man schon
r ein wahrer Koloss. Er
trug ein unfrmiges grellgrnes T-Shirt mit der Aufschrift
ter Krper erinnerte an eine riesige Birne.
Ich bin kein Experte, meinte er in amsiertem Ton,
mrders, oder? Man sieht es stndig im Fernsehen. Da sollte
man sich nicht wundern, wenn es
ihm vorbei. Pavois grte
sie mit einer Geste und verschwand in seinem Bro.
Im Aufzug fragte Franois Taine Jeanne:
Bescheuerter Typ. Was hltst du davon?
Wo?
Im Labor?
Von wem?
Vom Tter.
Weshalb htte er das tun sollen?
Jeanne wich der Frage aus.
Waffenschmuggels nach Osttimor zu vertiefen. Morgen. So
wiegte sie sich bis zu ihrem
Termin bei ihrer Psychotherapeu-
novierten Wohnungen, in denen di
Wohnung. Die Nacht war schwl. Auf dem niedrigen Bei-
stelltisch lag ein an sie adre
ssierter Kraftpapierumschlag. Die
Ein Selbstmord?
Ja, ein Selbstmord.
Jeanne verglich die Haltung des Psychotherapeuten mit ihrer
Traum den Tod symbolisiere. Er
Der Neuankmmling sprach mit groer Entschiedenheit.
Stimme und einen spanischen
Gibt es was Neues?
Was Neues? Seine Anflle
werden immer heftiger.
Was macht er whrend dieser Anflle?
in seinem Innern. Viel-
mehr ein Kind. Ein Kind, das se
wicklung und seine Ansprche hat. Ein Kind, das im Innern
meines Sohnes herangewachsen ist. Wie ein Tumor.
Sprechen Sie von dem Kind, das Ihr eigener Sohn gewe-
sen ist?
Die spanische Stimme klang jetzt resigniert:
Sie wissen, dass ich damals nicht da war ...
Im Halbschlaf hing sie ihren Gedanken nach. Sie befand
sich in der Mitte einer Furt. Si
e hatte das Ufer Thomas verlas-
sen was ihr weit leichter gefall
nach dem Transport der Waffen und der Bezahlung der Rech-
ganze Nacht hindurch mehrfach wiedergekehrt war.
Jeanne bewegte sich durch ein Labyrinth aus feuchtem Be-
ton. Sie entdeckte den verstmmelten, dicken Krper von
Eine Art Gollum mit wuchtigem
n aus, whlte mit seinen ge-
krmmten Fingern im Gehirn
ab. Im Traum war Gollum eine sterile oder vergewaltigte
Frau. Sie grunzte mit blutverschmiertem Mund. Auf dem
weis erbracht wurde, dass
legalen Quellen stammten. Im
Wir werden sehen, sagte sie, whrend sie sich in ihrem
wieder. Gollum. Weies und schwarzes Fleisch. Knurren.
Dann wandten sich ihre Gedanken der Wirklichkeit zu. Der
Besuch am Vortag. Der Tatort.
Die Fruchtbarkeit als Ziel der
Begierde. Der verschlungene Uterus.
Eine halbe Stunde spter rast
e, ohne irgendein Tempolimit zu beachten. Zwanzig Minuten
Schreibtisch, umgeben von den
Unterlagen zu Osttimor. Sie wollte den Morgen das, was
davon noch brig war dazu nutzen, sich grndlich mit der
Akte vertraut zu machen, bevor sie die Vorladungen unter-
de auf insgesamt fnfzehn Milliarden Dollar geschtzt. Die
en mit der amtierenden Regie-
rung geschlossen. Im Fall eines Staatsstreichs wrden sich die
beutung dieser Vorkommen such
en. Warum nicht diejenigen,
die sie mit Waffen versorgt hatten?
Man musste die Geschichte also andersherum lesen. Ber-
nard Gimenez, der fr das Verteidigungsministerium arbeite-
te, hatte die Firma EDS Technica
tegiert, um fr seine Partei, die PRL, geheime Gelder zu kas-
Es war umgekehrt
tiker gehandelt und Waffen fr eine
dem Interesse Frankreichs dien
Sie wollte genau wissen, wo im
Goff 1. Eine kurze Gasse, die im Schatten des Panthon die
Rue Gay-Lussac mit der Rue Souf
zudenken. Vor allem ber die Lcherlichkeit dieser Situation:
Eine Ermittlungsrichterin, die sich in ihrem Wagen versteckte
und einem Psychiater auflauerte
, dessen Stimme sie verfhre-
Leidenschaftlich.
Sie war doch eine Romantikerin.
Immer wieder versuchte sie, si
wachsen, schlank, aber nicht ma
de nicht mehr anrufen. Auch sie hatte nicht angerufen. Wenn
es keine Hoffnung mehr gab, blie
b wenigstens der Stolz. Sie
dachte auch an Osttimor und ihre Vorladungen, die bestimmt
ordnung der Lauschoperation gegen Fraud, die sie noch im-
mer nicht ausgestellt hatte. Ein weiterer Bumerang und ....
Ein Mann trat aus dem Eingang heraus.
Jeanne folgte seinem Beispiel
. Sie parkte am Fu einer der
daran, dass das Museum eine Ausstellung mit dem Titel
Wien 1900 zeigte, die den Ma
lern der Wiener Secession
tur, aber auch die Musik m
unter den Werken. All dies schien
ne entspannte sich und nahm sich die Zeit, ebenfalls die Ge-
mlde zu bewundern. Der erste Saal war Klimt gewid-
Bruch mit allem, was zuvor gemalt worden war. Aber es war
ein sanfter Bruch. Gleichmige
wssrige Farbtne, die an
japanische Stiche erinnerte
zendes Gold. Effekte, die an Emaille, Perlen, farbiges Glas
und Bronze gemahnten ...
Und erst die Frauen. Schlummernde Feen mit langem ho-
strenge Ornamente schmiegten. Jede Frau umgab ein orna-
mentaler Nimbus Figuren und
Diese Stimme, die sie so oft
im Kopfhrer vernommen hat-
te, hallte jetzt
dicht an ihrem Ohr wider.
Ent... Entschuldigung?
einem schwarzen Pelzkragen
gesumt wurde, war der Schl
mldes. Er enthllte eine unaussprechliche Wahrheit, eine
mrchenhafte Poesie, die einen di
leicht noch tiefer: ins Geschlech
t. An den Wurzeln des Seins
Jeanne empfand eine zrtliche Zuneigung zu dieser Frau.
Dieses mondweie Pierrot-Gesicht. Dieses kurzgeschnittene
schwarze Haar, das damals revo
lutionr gewirkt haben muss-
te. Diese dnnen roten Lippen. Diese dichten Brauen, die an
folgenden Ausstellungsraum. Trotz ihrer Aufregung bemerkte
sie, dass sich die Atmosphre vernderte.
gekrmmte Klauenhnde. Farbfl
erinnerten. Jeanne musste an eine Art
denken. Eine Woche der Bue, wo die Kapuzen diese Gesich-
zu Klimt verschafft auch er mir eine Art Erleichterung. Seine
Gewaltttigkeit ist positiv, heilsam. Ich bin Psychiater und
itstage sind manchmal ...
schwierig. Diese Bilder vom Anfang des 20. Jahrhunderts
geben mir Mut und Energie.
Tut mir leid, brachte sie fls
In diesen Werken offenbart
weisen, dass die Welt, der ich mein Leben widme, tatschlich
existiert. Traum, Sexualitt, A
Seele um, als wre sie ein Handschuh. Er rumt mit dem fal-
n Gewissheiten, den trstli-
nichts gegessen. Ihre Gefhle nhrten ihre Wahrnehmung.
Aussehens hatte sie den Eindruck, dass Antoine Fraud ver-
rckt war.
leiser, wie um sie zu be-
schwichtigen. Ich lasse mich gehen ... Dabei habe ich mich
nicht einmal vorgestellt. Er streckte ihr die Hand entgegen.
Guter Gott, sie redete Stuss. Weshalb erwhnte sie diesen
extrem gewaltttigen Film?
dem Boden, und sie hatte den Ei
die Dinge um sie herum verwackeln. Sie schmte sich fr
ihren Zustand. Gleichzeitig war
sie insgeheim sehr froh dar-
Marigny und kauften dann an einem Kiosk ein italienisches
Gehen wir ein paar Schritte?
die Zartheit der Frage. Schwei
Place de la Concorde. Sie war
schon lange nicht mehr durch
an den Champs-lyses zur
Avenue mit dem Verkehr, dem Lrm und den Abgasen ...
Man erlebt eine echte Begegnung. Eine Romanze zwischen
Ich habe mich hinreien lassen, gestand Fraud. Wien,
Anfang des 20. Jahrhunderts ... Das ist meine Passion. Diese
Zeit, wo in heimeligen Lokalen bei Kaffee und Strudel so viel
t mehr so glcklich gewe-
Fraud sprach mit Leidenschaft. Sie hrte ihm noch immer
nicht zu. Was sie berhrte, wa
r seine Begeisterung. Seine
spontane, redselige Seite. Und auch sein Wille, sie mit seinen
An der Place de la Concorde nahm er ihren Arm.
Versuchen wir's mit den Tuilerien?
Sie nickte. Der Verkehrslrm. Der Gestank der Abgase.
Die steinernen Springbrunnen schimmerten rosa. Touristen,
rten. Alles, was sie an einem
die Liebe.
che Dummheit herausgerutscht war.
Wissen Sie, das Sie eine ganz
zu sagen?
Wieder das Gleiche! Sie wenden kurz den Kopf zur Seite,
Weil ich nicht nein sage
Er nahm ihre Hand und drckte sie sehr zrtlich.
Sagen Sie dies nie zu einem Mann!
miteinander verbanden. Wie lange hatte man ihr nicht mehr so
zrtliche Worte gesagt?
Sie versuchte, in der Gegenwart, im Gesprch zu bleiben
Und Sie, zwang sie sich zu fragen, laden sich diese
ganze Wsche auf?
Welche Wsche?
Sie waschen doch die Schmutzwsche Ihrer Patienten,
oder?
Das kann man so sagen, ja. Es
ist nicht immer leicht, aber
mein Beruf ist meine Passion. Ich lebe ausschlielich dafr.
Jeanne sah in diesem Satz ein positives Anzeichen. Keine
Wie erklren Sie sich diese Passion?
Wollen Sie den Analytiker analysieren?
mageblich vom Schattenbild
des Vaters geprgt. Das gilt besonders fr das sogenannte
Bse im Menschen.
Nehmen wir den Fall eines echten menschlichen Unge-
heuers. Eines Wesens, das man nicht als Menschen bezeich-
zum Beispiel. Erinnern Sie si
ch an diese Geschichte?
Jeanne nickte. Wenn Dutroux seine Verbrechen im Gro-
raum Paris begangen htte, htte sie vielleicht die Ermittlun-
stndlich, fuhr Fraud fort. Er hat in einem Keller junge
eingehend mit seiner Lebensgeschichte befassen, entdecken
Vielzahl weiterer Beispiele.
Der Serienmrder Guy Georges
Was verstehen Sie unter Mechanismus der Vter?
Ich besuche hufig Verhandlungen vor dem Schwurge-
richt. Jedes Mal, wenn in einem Prozess das familire Umfeld
eines Mrders geschildert wird,
stelle ich mir diese Frage:
Weshalb haben die Eltern dieses Mannes versagt? Weshalb
waren sie selbst Monster? Ware
waltttiger Eltern? Und so weiter. Hinter jedem Tter steht ein
Vater, der
ein Tter gewesen ist. Das Bse ist
sie mit Schuldgefhlen. Also ha
Ebenbild des Vaters angefertigt und sich gegenseitig verbo-
ten, die Frauen ihrer Gruppe anzurhren. So entstand das Ta-
bu des Inzests und des Vatermords. Noch heute leben wir mit
Selbst wenn die wissenschaftliche Anthropologie der These
in Wirklichkeit nie gegeben , gi
thos zu bewahren. Wir tragen diese Schuld in uns. Oder ihre
Intention. Nur eine gute Erzi
Erwachsene unser seelisches
Gleichgewicht aufrechtzuerhal-
ten und unsere geheimen Begierde
der geringsten Strung bricht unsere Gewaltttigkeit durch,
Jeanne war nicht mehr sicher, ob sie ihm richtig folgen
iter schlimm. Die Pyramide
he Wendung genommen hatte.
wollte die Stimme des Psychiat
ers an diesem Abend nicht
noch einmal hren, um die noch frischen Eindrcke nicht zu
Der spanische Vater war zurckgekehrt.
Mit seinem Sohn.
Das ist Joachim.
zu der Zeit, als sie in ihrem
Auto vor dem Eingang auf der Lauer lag ... Sie musste also
Was sind die Ttigkeitsfelder dieser NGOs?
Nichts Besonderes. Wir helfen den rmsten. Wir km-
mern uns um die medizinische Versorgung von Kindern. Ich
Schweigen. Fraud machte sich Notizen. Joachim antwor-
Anflle ist das richtige Wort.
Was knnen Sie mir darber sagen?
Ich erinnere mich an nichts. Es sind schwarze Lcher.
Genau das ist das Problem
Erneutes Schweigen. Abermals Notizen.
Kommt in diesen Phasen
andere Persnlichkeit zum Vorschein?
Joachim hatte die Stimme erhoben. Ein erstes Anzeichen
erem Nachdruck sagte er:
Wren Sie bereit, sich ei
hen?
Wie in dem Film
Der Anwalt hatte seinen sche
wiedergefunden.
Wie im
Exorzisten
Joachim wie auch bei Fraud.
r vielleicht auch neben dem
zengerade auf seinem Stuhl,
die Augen geschlossen oder m
starrend. Und im Hintergrund de
nicht, wieso, aber sie stellte
ihn sich mit dichtem grauem oder
weiem Haar vor.
Joachim, hren Sie mich?
Ich mchte mit der Person, di
Jeanne fiel auf, dass Fraud zum Du bergegangen war.
Zweifellos um seine beiden Gesprchspartner, Joachim und
Was fr einem Wald?
Was suchst du? Was willst du?
Keine Antwort.
Erzhl mir von dem Wald.
Erneutes Ruspern. Vielleicht ein Lachen oder ein Rlp-
immer wieder die gleiche Litanei, ohne Atem zu holen:
s, me olvidars / Junto a
Die Stimme hrte sich schr
Stimmbnder aneinander rieben, bis sie sich erhitzten, bis sie
reien wrden. Fraud erhob die Stimme, und es gelang ihm,
Joachim aus seiner Hypnose herauszuholen. Auf seine Wei-
sung hin trat abermals Schweigen ein.
Joachim, hren Sie mich?
Die Stimme des Mannes war wieder da.
Wie fhlen Sie sich?
Erinnern Sie sich an das, was Sie mir unter Hypnose ge-
Sehr gut. Fr heute sind wir fertig.
Was fehlt mir, Doktor?
Joachim sprach wieder in dem gleichen scherzhaften Ton
wie zuvor, doch seine Angst war deutlich zu spren.
Das kann ich noch nicht sagen. Wren Sie bereit zu wei-
tergehenden Untersuchungen und zu regelmigen Behand-
lungen?
Zu allem, was Sie wollen, sthnte Joachim geschlagen.
Kein Problem. Auf Wiedersehen, Doktor.
Und diese spanischen Worte, die er stndig wiederholt
wissen Sie, was das ist?
Das Lied zu dem Film
Er muss behandelt werden. Sein Zustand ist ... komplex.
dass er auch an Schizophrenie
ville herum.
Jeanne hatte die ganze Nacht
Wald beit dich.
Arrondissement ...
Im Grunde glaubte sie an gar
Die Begegnung war zu schn gewesen, um wahr zu sein. Und
wie stand es um die Wahrsche
inlichkeit eines Verbrechens,
das in der Praxis eines Psychiaters angekndigt wurde? Des
Abhrmanahmen an-
nicht eine Ausstellung ber die Wiener Secession angesehen.
Er htte doch nicht mit einer Rothaarigen, der er zufllig be-
die Leiche in einem Pariser Vorort beseitigt hatte, konnte sie
sogar die Staatsanwaltschaften
Zweiter Nespresso. Sie ging ins Wohnzimmer, machte es
sich auf ihrem Sofa bequem,
vor dem niedrigen Couchtisch.
Entnahm ihrer Aktentasche das vom Justizministerium her-
Zuerst rief sie das Bro des Oberstaatsanwalts im Pariser
Polizeiprsidium an. Kein Mord in der vergangenen Nacht.

zenlose Liebe entgegen. Aber vor allem war dieser khle,
tergltigen Werke der Antike begannen unter den Hnden des
men. Er hat ein Gleichgewicht
Individualisierung gefunden.
Jeanne sprte die Hand des alten Mannes an ihrem Arm.
Die Klauen eines Adlers.
Ich verstehe noch immer nicht, was das mit meinen Fllen
pturen. Du wirst immer wie-
Mach es wie die Griechen. Bezieh die Mngel mit ein.
schwarzen Lcher in den Zeuge
chen Motive. Respektiere diese Unstimmigkeiten. Respektiere
Erkenntnisse stoen, die dich ma
nchmal anderswohin fhren.
lasten mich noch immer. Flle, bei denen es knirschte. De-
griechische und rmische Bil
ausstellen. Auch in den Louvre kehrte sie oft zurck, um die
selbst auf der Seite der Kunst und der Poesie zu stehen. Der
Poesie, die ankommt, natrl
Kein Mittagessen mit Aubusson ohne eine Schmhung
Sarkozys. Sie wollte ihm eine Freude machen:
Hast du nicht mitbekommen, dass seine Umfragewerte
immer schlechter werden?
Sie werden auch wieder besser werden. Ich mache mir um
Wie ein Jger zu guter Le
tzt den alten Elefanten mag,
hinter dem er seit Jahren her ist.
Der Kellner kam und nahm die
de Ermittlungen nutzen?
Nein, nicht wirklich. Die Information ist bruchstckhaft.
Worum genau geht es?
Mglicherweise wurde gestern Nacht im 10. Arrondisse-
ment ein Mord verbt.
Bislang gab es keine Besttigung.
Des Mrders, aber auch ni
cht vollstndig. Wie gesagt, ich
Jeanne lchelte. Sie war gekommen, um das zu hren. Sie
e. In meinem Alter! Eine oder
zwei meiner Verflossenen glauben ebenfalls, noch immer im
Ist dir das nicht zu viel?
Ich beehre sie ja nicht alle
. Aber ich mag diese Aura der
Liebe um mich. Es ist
gelreihen, und ich male sie in Blau ...
Jeanne zwang sich zu einem Lcheln. Im Grunde missfiel
Manipulation. Sie war noch nicht alt genug, um auf ihre
Trume von echter Treue zu verzichten.
Wie schaffst du das nur, so zu leben mit dieser perma-
nenten Lge und Untreue? Sie lchelte, um die Schonungs-
losigkeit ihrer Worte abzumildern. Wo bleibt da der Res-
pekt?
Es hngt mit dem Tod zusammen, sagte Aubusson pltz-
abkratzen. Und man wird kei-
ne zweite Chance bekommen. Desh
vergewaltigen oder t
ten aus dem gleichen Grund. Sie wollen
ihre Begierden und Wnsche befrie
Wie heit doch der Filmtitel:
schluckte einmal krftig. Ein
saures Brennen in der Speiserhr
dankend ab. Aubusson bestellte zwei weitere Glser Cham-
Weit du, fuhr er in einem frhlicheren Ton fort, mich
s Problem. Eine nderung, die
Rimbaud in einem Gedicht vorgenommen hat. Sie ist wie-
dergefunden! / Was? Die Ewigke
ben / mit der Sonne.
sah ein Bild vor ihrem innere
Vielleicht weil er sprte, da
Auf den Rimbaud-Faktor!
Als Jeanne das Restaurant an
ging sie nicht zu der Tiefgarage
und wanderte in umgekehrter Richtung zu der Tiefgarage in
der Avenue Matignon. Vor der Ei
ging weiter zu der kleinen Grnanlage an den Champs-
oder, im Gegenteil, ber den
dann hatte sie keine Lust, darber zu sprechen. Das war nur
Wenn sie selbst schwanger wre, wrde sie sich mit der
geheimen Logik des Kosmos verbinden. Sie wrde sich selbst
im Innersten verstehen, whrend
sie sich zugleich in das R-
derwerk des Universums einfgen wrde. Sie wrde in ein
In Goncourt. Rue du Faubourg-du-Temple, 10. Arrondis-
sement. Der Staatsanwalt hat mich
ich in den beiden ersten Fllen ermittle.
Wo genau hat man sie gefunden? In einer Tiefgarage?
Nein, in ihrem Atelier,
Was fr eine Knstlerin?
Recht ungewhnlich. Tatschlich
handelt es sich um ein
mit Haaren, die dir echt Angst
einjagen. Sie wurde zwischen
war. Solange es Leichen gab, wrde sie im Laufschritt auf-
rperbau wie die anderen?,
hakte Jeanne nach.
der in Luft aufgelst. Taine schnalzte mit den Fingern. Ein-
unter die Lupe genommen?
Jeanne auf. Er stand mit dem Rcken zum Licht, aber seine
Was glaubst du denn? Reischenbach hat den Alltag der
beiden Mdchen auf den Kopf gestellt. Kreditkarten. Scheck-
hefte. Handyanrufe. Wir haben sogar die Strecken berprft,
die sie mit ffentlichen Leihfahrrdern zurckgelegt haben.
Nichts. Wir wissen nur, was mit Sicherheit
Sie sind dem Mrder vor der
Ex vernommen?
Jeanne, du kommst mir hier mit Routinekram. Diese
Morde haben eine andere Dimension. Sie fallen vllig aus
dem Rahmen, kapiert?
Taine lehnte sich wieder in de
Kommen wir auf das erste Opfe
zu gehen. Weniger nervs,
Meine Intuition sagt mir, hob er schlielich an, dass es
um eine bestimmte Atmosphre
Urzeit. Eine Regression. Die Ta
en. In diesem Sinne passt das
Selbst den Autismus kann man als eine Art Rckfall auf eine
nen Rasensprenger langsam von
Taine prustete los.
Komm. Sehen wir uns
schiedliche Epochen, mimische
Ausdrucksformen und Milieus
wie bekannte Politiker, aber
auch, vor allem, Ahnen des Homo
sapiens. Auerdem gab es
Muskelmnner aus gebranntem Ton, deren Muskeln mit ei-
nem Spatel geriffelt worden waren.
m Erkennungsdienst, die weie
Overalls trugen:
ment allein lassen?
Wortlos verlieen die Mnner den Raum. Jeanne folgte
dem Richter. Der Anblick, der sich ihr bot, erschtterte sie.
stellung berlagert, dass diesma
echte Urmenschen zu diesem Ritual erschienen waren. Das
Opfer hing noch immer mit dem Kopf nach unten in der Mitte
des Raumes, umgeben von starren Gestalten in Tierfellen als
schweigenden Beobachtern. Struppige Jger mit mchtigen
vorstehenden Wangenknochen,
zu Ende fhren. Oder aber, auch das war mglich, er hatte
lt. Jedenfalls hatte er die
sich damit begngt, Fleischstcke aus den Schenkeln, der
Leiste und dem Ges herauszure
ien. Zweifellos, um sie zu
Auf dem Boden befanden sich
barbarischer Grillteller heute N
mit rohem Fleisch begngt.
Jeanne sah sich um. ber den Werkzeugen und den Bsten
auf den Regalen sah sie an den Wnden mit Blut gemalte Zei-
chen, die an Bume mit mannigfaltigen sten in Form von X
lenden Sequenzen den Chromosomen eines Karyogramms.
Als sie endlich wieder Atem holte, bemerkte sie, dass die
Gerche von Lsungsmitteln und Harz den Gestank von Blut
musste sie wieder an die Raserei des Mrders denken. Im
verschmutzung aus den Eingeweiden seiner Opfer herauslas.
der Mrder Francesca Tercia
wegen ihres Berufs ausgewhlt hatte. Er wollte in dieser Um-
gebung, im trauten Kreis von seines
Urmenschen, die, wie er, von berlebensinstinkten und archa-
sein Ritual an diesem einzigartigen Ort, der mehrere Jahrtau-
lie.
Wieder beschlichen sie
Zweifel. War er wirklich der
Kannibale? Vielleicht handelte
es sich ja nur um einen Zufall.
erung im weien Overall
e Jeanne zu Taine, der das
Im Innern der Gruppe standen Menschen, die nicht mo-
dern, aber auch nicht mehr a
Schulter. Die rothaarige Frau wa
auf ihrem Gesicht.
zei?
Nein. Jeanne Korowa, Ermittlungsrichterin.
Erstaunt zog sie die Brauen hoch.
Ich habe bereits mit einem Richter gesprochen.
Ist das so blich?
Ja. Nein. Ich will das nicht sehen.
s Licht fr den Abtransport der
Leiche erteilt.
Ich schwre dir, wenn der Typ da mir wieder mit seinem
Schwachsinn kommt ..., stie Taine zwischen den Zhnen
Langleber nherte sich.
Wissen Sie, was Lacan gesagt hat?
Scheie!, zischte Taine.
Wenn Sie verstanden haben, irren Sie sich.
Hr auf mit dem Bldsi
Der Rechtsmediziner hob besc
hwichtigend beide Arme.
durchziehen, aus einem Grund, den wir nicht kennen. Er hat
Er hat es nicht zerstckelt.
wie zuvor. Er hat das Opfer ausbluten gelassen, ihm dann
Bisswunden beigebracht und Organe entnommen.
Polizeiabsperrung aufhalten dafr hingen alle Anwohner in
er einem Band durch und kam
tigt?
Wir jedenfalls nicht. Was machen wir?
Sag ihnen, dass der Staatsanwalt bermorgen frh, Mon-
Mhsam erhob sie sich und ging in die Kche, von einer
terlassen. Und Taine? Sie rief ihn an. Ebenfalls der Anrufbe-
antworter. Diesmal sagte sie:
Hier spricht Jeanne. Es ist zwlf Uhr. Ruf mich an, sobald
Sie a im Stehen in ihrer Kche. Eine Schale trockenen
Reis und Kirschtomaten. Sie hasste solche Tage. Die Sekun-
den, die Minuten, die Stunden wuchsen zu einem reinen Stal-
aktiten der Einsamkeit an. Sie
sie in der gesamten Wohnung wi-
derhallten. Sie hatte das Gefhl, verrckt zu werden, Stimmen
zu hren. Es sei denn, sie sprach wie eine alte Frau mit sich
selbst.
m englischen Kanal eine Do-
kumentation ber das Leben von Singles in Stdten gesehen.
die Kamera:
Ab wann kann man von echter Einsamkeit sprechen?
Wenn man sich schon donnerstags vor dem Wochenende
Nach mehreren Kilometern st
ie sie in Chtenay-Malabry
auf die Avenue de la Division-Leclerc. Das Altenheim
Alphedia befand sich am Ende der Strae. Ein modernes, un-
n drittklassiges Motel erinner-
, Alzheimer und alle anderen
nkungen wren ein Geschenk des
Himmels, damit der Mensch das Herannahen des Todes nicht
spre. In diesem hohen Alter
mehr zhlen zu knnen, weder die Jahre noch die Tage noch
Erschlaffen der Muskeln. Vor-
Zwei Ksse, ohne zu atmen. Sie deckte sie zu. Die
ma place
ed. Je n'attends pas de toi /
Que tu sois la mme / Je n'attends pas de toi / Que tu me
comprennes ...
Am Stadtrand von Paris fhlte sie sich besser. Linkes
Seineufer. Funkelnde Platanen. Schnheit des Haussmanschen
Stadtbildes. Sogar ihre Einsamkeit, ihre Verzweiflung nahm
... Auf dem Boulevard Raspail
bei ihrer Mutter ausgeschaltet.
Eine Nachricht.
klebten noch immer auf ihrer Haut.

Luft. Der Verkehr war zum Er
ausweis aus ihrer Tasche, rann-
um nachzusehen, was da vor sich ging. Polizisten drngten die
immer. Sie schwenkte ihren
wehrautos entlang, passierte eine zweite Absperrung und bog
in die Rue Moncey ein.
Ihr Herz raste. Flammen sc
Rckseite eines LKWs. Sie rief
Kehle. Sie schlug dem Feuerwehrmann auf die Schulter.
e alt. Jeanne streckte ihm
Jedes Wort brannte ihr in der Kehle. Der Feuerwehrmann
machte eine vage Geste.
werk ausgebrochen.
Das ist doch die Hausnummer 18, oder?
Sind alle Bewohner evakuiert worden?
ten. Soeben hatte eine Ex-
Brennende Teilchen fielen auf
asselten wie mit der Wucht von
Unwillkrlich klammerte sich J
eanne an den Feuerwehrmann.
Sie sollten nicht hi
erbleiben, Madame!
Sie antwortete nicht. Mit we
Stockwerk, in dem die W
sich einen Grtel um. Pickel,
Axt, Feuerlscher. Ein Feuer-
wehrmann unter anderen.
Ohne Aufsehen zu erregen, lief sie zu dem Gebude, wobei
ihre innere Stimme hmmerte:
Dann wurde diese Stimme von
rein krperlichen Empfindungen ausgelscht. Ihre Lederjacke
sich am Treppengelnder entlang. Die Stufen kamen ihr we-
niger fest vor. Brchig. Sie stieg so schnell hinauf, wie sie
Drei offen stehende Tren, von Flammen eingerahmt. In
jeder Wohnung befand sich ein Lschtrupp, der die Brandher-
de bekmpfte. Jeanne bemerkte, dass das Gelnder aufgehrt
hatte. Der Treppenabsatz ging ins Leere.
Taine wohnte noch weiter oben. Jeanne wollte die nchsten
te. Flammen schlugen zischend berall gleichzeitig empor.
Jeanne drehte sich um, strzt
uerwehrleute aus der Wohnung
Fe ber dem Abgrund. Sie drckt
kohlten Teppich und die Dielen des rtlich schimmernden
berall Flammen. Vom Holzfuboden emporschlagend, an
den Wnden leckend, die Decke verzehrend. Jeannes Maske
trat die mittlere Tr ein und verschwand in der Trffnung,
das Gesicht mit dem Arm schtzend. Die Wohnung Taines
Den Arm vor dem Gesicht, gi
ng sie mit kleinen Schritten
voran, wobei sie versuchte, sich den Plan der Wohnung zu
vergegenwrtigen. Sie tappte
Wohnzimmer in eine Flammenh
Als sie wieder aufstehen wollte, sah sie ihn.
Im Zwischengeschoss rang Franois Taine inmitten der lo-
dernden Flammen mit einem klei
In diesem Moment strzte
rend dieses stundenlangen Albtraums ausgebrochen sein
musste, klebte auf ihrer Haut. Sie zwinkerte mehrmals mit den
Augen. Allmhlich konnte sie die
Gegenstnde um sich her-
um einordnen. Das Linoleum auf dem Boden. Der Spind aus
Stahl. Die heruntergelassene Ja
Die Bemerkung hatte fr sie ei
e sie dem Flammenmeer entron-
nen war. Sie war ohnmchtig geworden. Sie war hierherge-
Wann kann ich das Krankenhaus verlassen?
Chance zu nutzen.
Wie spt ist es?
Der wievielte ist heute?
Welches Krankenhaus?
Er machte wieder eine Geste
in Richtung seiner Brille. Das
Lcheln kehrte auf sein Gesicht zurck.
Jeanne senkte die Augen: In ihrem rechten Arm steckte ei-
eingefhrt worden war. Der Arzt
ging zum Fenster und drehte
die Lamellen der Jalousien leicht auf. Licht wrde ihr guttun.
Was wissen wir ber den Brand?
Es fiel ihr schwer zu sprechen. Der Rauch musste ihre
Schleimhute vertzt haben.
Ermittlungen. Geheimsache. Ein Richter ist nicht irgendwer.
Und wenn dieses Verbrechen mit den Kannibalen-
Dabei hat er im Augenblick nich
ts zu befrchten. Wir tappen
vllig im Dunkeln.
sind abgeschlossen?
werden der Kannibalen-Fall und die Brandstiftung einem
me, dass du das sein wirst.
Kann ich kommen oder nicht?
Reischenbach seufzte.
Komme sofort.
Jeanne legte auf. Ihr war kalt. Ihr war hei. Sie taumelte
Hautfarbe erinnerte an ein
gelb verfrbtes Waschbecken.
sich noch schwarze Farbreste.
den ihr wie Dreadlocks vom Kopf
Sie hielt das Gesicht in den
Wasserstrahl. Hob den Kopf.
Taxi anzuhalten. Wegen der Helligkeit konnte sie die
Lmpchen auf den Autodchern nicht erkennen, die anzeig-
Wie das?
Ich bin nicht befugt, darber Auskunft zu geben.
kreuzte, vor allem nicht mit angesengten Haaren und ge-
schwrzten Kaminkehrerklamotten.
Machst du mir Fotokopien von der Akte?
In seinem Bro stehend, trat Reischenbach, schlecht rasiert
und mit glnzendem Haar, von einem Fu auf den anderen.
Vor ihm standen die beiden dicken Aktenordner ber die Er-
mittlungen im Kannibalenmord.
Der Polizist rhrte sich noch
immer nicht. Jeanne beugte
h in der Nhe. Mach mir Ko-
pien von diesen Scheidokument
gen wird! In einigen Stunden wird ein neuer Richter ernannt.
Aufnahmen der Tatorte und vor
allem Bilder des seltsamen
Den Familiennamen kenne ich nicht. Kannst du da je-
Auf der Schnellstrae fdelte
wollten. Auf der Hhe der Pont de l'Alma fuhr sie ab. Porte
jagte den Motor ihres Twingo hoch. Graben. Whlen. Gegen
die Uhr spielen. Am Ende des Tages wrde sie den Schlssel
gefunden haben. Die Verbindung zwischen den drei Opfern.
Den Plan des Mrders.
Tiefgarage des Landgerichts. Jeanne lief mit umgehngter
Tasche, die Dokumente unter
dem Arm, zum Aufzug. Sie
hatte sich noch immer nicht ge
Schwei und Angst. Niemand am Empfang. Umso besser. Sie
eich nach Dienstbeginn im
Landgericht herumgesprochen.
Claire warf sich ihr in die Arme. Schon nach wenigen Se-
Sie drckte ihre Assistentin langsam zurck und murmelte:
Aber ... die Vernehmungen?
Sagen Sie alle ab. Ich muss
mich ber den Stand der Er-
mittlungen informieren.
Hat man Ihnen den Fall bertragen?
re Jacke, nachdem sie Jeanne
das Versprechen abgenommen hatte, ihr morgen alles zu er-
eundlich aus dem Bro. Dann
nahm sie einige Kleider, die sie zum Wechseln in ihrem Bro
alles Wesentliche in Erfahrung gebracht hatte.
Dr. Langleber?
Nein, sein Assistent.
inem Handy angerufen. Einige
Telefonate hatten gengt, um herauszufinden, dass der intel-
lektuelle Rechtsmediziner mit der Obduktion von Franois
Geben Sie ihn mir.
Wir sind im Sektionsraum. Wer ist am Apparat?
Die von Franois Taine? Sie
stellte sich die beiden Mnner im weien Kittel vor, wie sie
um den auf einem Nirosta-Tisc
ten, eingeschrumpften Krper herumstanden.
Sagen Sie ihm, dass Richterin Korowa am Apparat ist.
Jeanne hrte gedmpfte Stim
men. Der Assistent hatte die
Hand auf den Hrer gelegt. Dann erklang Langlebers Stimme:
Was wollen Sie?
Die Stimme war hart. Sie hallte wie im Gemuer einer Kir-
che wider. Jeanne ahnte, dass der Arzt den Lautsprecher am
nibalen-Morden und dem Brand, bei dem Franois Taine um-
kam.
Was fr Anhaltspunkte?
Obgleich Jeanne fieberhaft nachdachte, wusste sie nicht,
was sie antworten sollte. Sie zog es vor, das Thema zu wech-
sen?
Freund zu obduzieren. Vor ihrem
beiden Gestalten, die im brennenden Zwischengeschoss mit-
Haben Sie Spuren eines Kampfes entdeckt?
Sie machen wohl Scherze! Das, was von Franois Taine
brig ist, liegt hier vor mir.
keinerlei Spuren mehr zu finden
Sie sprte, wie ihr die Trnen
ltspunkte dafr, was vor dem
Brand geschehen ist?
Man merkt, dass Sie nicht besonders viel von Verbren-
geborgen haben, war Taine bis zur Unkenntlichkeit entstellt.
Unter der Einwirkung der Hitze
die Haut platzt. Haben Sie schon mal ein Hhnchen im Back-
ofen gebraten?
Doktor, Sie sprechen von meinem Freund.
Franois war auch mein Freund. Trotzdem ist er aufge-
platzt wie ein Wrstchen.
Jeanne schwieg. Der Arzt fuhr fort:
Um die genaue Todesursache festzustellen, muss ich ihn
aufschneiden. Eine Kohlenm
Flammen nicht gesprt hat.
Taine und der Unbekannte, die auf dem Verbindungsgang
miteinander kmpfen, von den Flammen verschlungen. Sie
ebenfalls wahnsinnig machten. Mit leichter Verzgerung
sank. Wie oft wrde sie sein
Bild noch in dieser Weise le
schwren, nur um anschlieend von der Gewissheit seines
Todes eingeholt zu werden? Foucault hatte Recht: Im Rau-
schen der Wiederholung ereign
mehr an, Korowa. Es sei denn,
Sie werden offiziell mit den
Okay, fuhr sie fort. Seid ihr sicher, dass es sich um
Was fr ein Typ?
Kohlenwasserstoff. Benzin oder ein Lsungsmittel.
Wo lag der Brandherd?
Im fnften Stock. Im Flur
vor Taines Wohnung. Das Holz
sen wir nicht, worum genau es sich handelt.
Haben Sie eine Idee?
Die Zeichen an den Wnden. Sie bestehen teilweise aus
ut, Speichel und Exkrementen
haben wir auch Fruchtwasser gefunden. Der Tter hat das bei
dem Mord davor mitgehen lassen. Der ist wirklich durchge-
knallt.
mit einem Trauma in diesem
Bereich zusammenhing ... War Joachim zeugungsunfhig?
Oder war er wegen der Unfruchtbarkeit seiner Eltern in
schwierige Verhltnisse
Jeanne dankte dem Teamleiter und versprach ihn anzuru-
weiterhelfen kann. Wir haben es
hier mit einer bizarren
Ich habe Ihnen diese Wort
feixte Level.
Gab es am dritten Tatort auch welche?
Halten Sie es fr mglich,
keitsspaltung leidet?
gelesen. Was hat es denn mit die-
sem Brand auf sich?
Jeanne blickte auf die Uhr. 15.30 Uhr.
vom
verffentlicht. Sie schilderte die turbulenten Geschehnisse der
Nacht. Den Anruf Taines. Das Flammenmeer. Ihren Versuch,
Sie hatte bereits die Stimme des Prsidenten erkannt
Ich erwarte dich in meinem Bro. Sofort. Du brauchst
dich nicht anzumelden.
Dem Prsidenten sah man sein Amt nicht an. Der Mann, der
beim Landgericht Nanterre da
s Regiment fhrte und seine
Vorstellungen von Rechtsprechung in einem der grten De-
partements der le-de-Fran
Gnom: so schmchtig und verhutzelt, dass er kaum ber sei-
e, und schmaler als die R-
iner Glatze und seinem grauen
nau er meinte sie hatte ei
Franois fhlte sich mit diesem Fall nicht wohl. Er glaub-
e Flle bearbeitet hast?
Jeanne wrde den Fall genau umgekehrt angehen. Ein kleines
Team. Ein Duell mit dem Mrder.
Jeanne. Das war schon immer
dein Fehler. Ein Ermittlungsverfahren ist ein Langlauf.
Eile mit Weile ...
Wird mir der Fall entzogen?
Lass mich ausreden.
Er zog ein Blatt aus einem Aktenordner heraus von dort,
n, worum es sich handelte.
Der SIAT hat mich kontaktiert. Ihnen fehlt eine richterli-
Was hat der Psychiater mit dem Fall zu tun? Warum wur-
de er abgehrt? Wieso hast
mit dem Spanier zu bergeben.
Aber man wrde ihr den Fall
Hast du die Aufnahmen noch?
h hre mir die CD an und ver-
nichte sie zusammen mit dem Original.
Er griff nach seinem Fller, einem dicken, funkelnden
Der Prsident sah auf, whrend er mit einem schweren
Der Richter lchelte hmisch.
Wenn du auf solche Ausflligkeiten stehst, sag ich nur:
... Umlegen? Sie beugte sich ber seinen Schreibtisch.
stirnigen und misogynen Idioten, di
Sie schlug die erste Aktenmappe auf.
Marion Cantelau.
ein Schatz. Einmal plauderten
o. Um ihre Schnheit zu wrdi-
gen, musste man daher das aktuelle Diktat der Schlankheit
cht fr unser Zeitalter geschaf-
gemacht. Nach einem sechsjh
rigen Medizin-Studium hatte
anschlieend eine vierjhrige Weiterbildung zur
fr ihre Arbeit. Sie kam um neun Uhr in die Firma. Sie ver-
Wenn alle anderen nach Hause
Wo war eine solche Frau Joachim ber den Weg gelaufen?
Jeanne musste wieder an die humanitren Aktivitten des
Rechtsanwalts denken. Gab es einen Zusammenhang mit den
statistischen Arbeiten Nellys? Hatte sie benachteiligte Bevl-
ran. Dennoch musste man diese Spur berprfen.
Sie wandte sich dem dritten Fall zu.
Francesca Tercia.
cesca war nicht unattraktiv. Ein
sicht mit tiefschwarzen Brauen,
die ihr ein tragisches Ausse-
hen verliehen. Gewelltes schwarzes Haar. Eine seidige tinten-
schwarze Masse, die Mnnern gewiss Lust machte, sich darin
zu vergraben ... Einziges Manko: Auch Francesca Tercia ge-
te sich an den Krper, der im
Atelier aufgehngt worden war.
Ges. Ein Falten werfender
Die drei Grazien
Die drei Pum-
Wie Nelly Barjac fhrte auch Francesca gewissermaen
Menschen. Abends modellierte sie in einem Atelier, dessen
Adresse noch unbekannt war, persnliche Werke. Ihr Privat-
Welche Gemeinsamkeiten gab es mit Joachim? Francesca
war Argentinierin. Joachim arbe
Patrick, wir haben es hier mit einem Serienmrder zu tun.
Ein Irrer, der weitermachen wird
und der zweifellos Franois
Du gehst das Problem vielleicht verkehrt herum an, sag-
te Reischenbach schlielich.
Wir wissen, dass die Arbeit
dieser Frauen den Mrder intere
ssiert. Vielleicht hat er diese
auf einen Kampf in der Tiefgarage. Beim zweiten Mordfall
fllt auf, dass die Laboratoires
Pavois eine echte Festung sind.
Man kann dort unmglich eindringen, ohne Spuren zu hinter-
lassen. Nelly Barjac hat sptabends ihren Mrder empfangen
und ihm die Rumlichkeiten gezeigt.
So viel ist sicher. Beim
Atelier Vioti ist es die gleiche Geschichte. Kein Hinweis auf
Wir sind zu ihr gefahren. Sie hat ein groes Atelier in
Soll das heien, dass sie ihre persnlichen Werke bei sich
zu Hause anfertigt?
Wie sind ihre Skulpturen?
Sonst nichts Aufflliges?
wollte.
Wieso?
Ihr Loft erstreckt sich ber
weise ist eine Mahnung. So verkneift man sich das Schnabu-
Was redest du da fr einen Stuss?
Frauen ermitteln, begreift ihr nicht einmal die Hlfte dessen,
was passiert.
Nichts zu danken. Ich schreib mein Wunschgewicht mit
Lippenstift auf den Spiegel im Bad.
Hilft uns das bei den Ermittlungen irgendwie
weiter?
Das unterstreicht noch einmal
ihre Gemeinsamkeit: ber-
gewicht. Und der Alltag, der damit verbunden ist. Du musst
Spur. Doch sie kannte ja den Namen des Mrders.
Und was hast du ber den Anwalt namens Joachim her-
ausgefunden?, fuhr sie fort.
Es gibt in Frankreich keinen Anwalt namens Joachim.
Bist du sicher, dass er Franzose ist?
Nein. Und die Liste der Handy-Anrufe?
Die genaue Liste smtlicher Telefonate, die Taine gefhrt
hat, bekomme ich morgen frh. Bi
Ich werde nachsehen. Ist mir jedenfalls nicht aufgefal-
t. Ich mach mich gleich ans
Michel Brune packte seine Werkzeuge aus. Er trug seinen
Arbeitsanzug, der mit dem Logo seiner Firma versehen war:
Kryos Serrures. Jeanne sah ihm mit verschrnkten Armen zu.
in ihrem Bro im Gerichtsge
bude kennengelernt, als ihm
mehrfacher Diebstahl zur Last gelegt wurde. Der Sech-
Anschlieend sammelte er sein
e Beute ein. BHs, schmutzige
National Geographic
ber ... Jeanne war aufgefallen, dass es sich um Bagatell-
Diebsthle handelte. Und vor allem war ihr bei dem Klepto-
manen eine einzigartige Bega
bung fr das ffnen von Schls-
sein. Sie hatte ihm eine Geri
Hand ab, damit man ihn nicht
Wohnung war in Dunkelheit und Schweigen gehllt.
Von dem Korridor ging zunch
Zimmer ab. Das Wartezimmer.
Weie Wnde. Altmodische
echts die Couch, bezogen mit
spern von Stimmen zu hren,
Sie ging hinter den Schreibtisch. Begann mit der Durchsu-
chung. Ein Block mit weien Bl
Terminkalender. Keine Notizen. Keine Namen. Sie zog die
Schublade auf. Ein Rezeptblock. Ein
das franzsische
Lexikon der Medikamente. Ein
das amerikanische Standardwerk ber die Klassifi-
kation psychischer Strungen. Ke
heran, griff nach einem Brief
war die Wanze, eingelassen in die Wand, ber dem Fenster-
stock. Ein Hieb mit der Klinge,
Jeanne bemerkte eine zweite Tr, bei der Bcherwand. Sie
dem Nachttisch kein einzig
Jeanne empfand widersprchliche Gefhle. Einerseits freu-
Familie. Weder Frau noch Kinder. Andererseits erfllte sie
dieses Einsiedlerleben, dieses Si
ch-Vergraben in seiner Praxis
mit Unbehagen. Fraud lebte wie
ein Student. Ohne Komfort.
Ohne Wrme. Ohne Grozgigkeit. Sich voll und ganz sei-
nem Beruf widmend. Nicht gerade
romantisch. Aber lebte sie
cken, Hemden immer in dunklen Tnen. Ihre geringe An-
zahl zeugte von seiner Abreise. Ein begehbarer Schrank mit
Plasma-Bildschirm eingeklemmt war. Kein Computer. Sie
ihr am Leib. In der Kche hiel
t sie ihr Gesicht unters kalte
Wasser. Dieser Raum hatte die gleiche Atmosphre wie der
tter der Psychiatrie. Ein Ein-
menschlichen Seele, die Freudsche Revolution und den
interessierte.
Sie kehrte in die kleine Kamm
er zurck, stieg noch einmal
gte die Lampe in eine gnstige
e die erste Seite jeder Akte
auf, um den Namen des Patient
sende Hmmern gegen die Tr
Auf allen vieren sammelte sie weiterhin die Akten ein.
Diese Schriftstcke waren plt
zlich von unschtzbarem Wert.
Ihre Beute. Ihr Schatz. Desw
egen war sie hergekommen, und
sie wrde damit weggehen. Die Seiten raschelten um sie her-
um. Die Bltter entglitten ihr.
Arm gesteckt hatte, zerriss ein ne
der Wohnung.
sehen , wie sich die Woh-
zimmer, in die Kche, ins Bad, auf der Suche nach einem
zweiten Ausgang. Warf einen flchtigen Blick in alle Zim-
mer. Ersphte das Fenster im Bad, ber der Wanne. Sie ver-
suchte sich an die Lage der Zimmer im Verhltnis zur Strae
es einen Durchgang zum Hof ...
chalter. Der Fensterrahmen
aber keinen Griff. Sie hielt
den. Seife, eine Feile, ein Kamm ... Das Pochen dauerte an,
Sie stapfte ber das Gesims des zweiten Gebudes, wobei
sie es vermied, in den Abgrund zu ihren Fen zu sehen. Ein
offenes Fenster im Dmmerlicht. Ein Treppenhaus. Sie warf
Es verharrte reglos, im Gege
nlicht, eingerahmt vom Bade-
zimmerfenster. Es zitterte am ganzen Krper. Als ob es trotz
der Hitze vor Klte schlotterte.
Weder sie noch irgendjemanden sonst.
Ergebnis. Gewhnliche Neuro
tiker. Keine Spur von einem
Vater und seinem mrderischen
ssen hatte. Da war die Wohnung
Spiegels, aber sie kam nicht vom
ihr. Und vor ihr, im Spiege
regte sich nicht mehr. Es flste
floh noch immer, ohne von der Stelle zu kommen, ergriffen
von Mitleid fr dieses Kind mit der dunklen Haut, den schie-
fen Zhnen, dem dichten Haarschopf, der dem Schatten glich,
den der Wipfel einer Libanon-Zeder auf eine Mauer warf.
stand, war ein Unbekannter.
schwarzen Lederjacke. Ein busch
iger silberner Schnurrbart.
Ein Blumenstrau.
Madame Korowa?
Ja?
Ich bin Kommandant Cormier. Wir sind uns bereits be-
sein. Ihre Wohnung war unaufgerumt. Die Luft war ver-
Danke, aber ich will nicht stren. Ich bin nur gekommen,
um Ihnen zu danken. Er hielt ihr den Strau hin. Nur eine
kleine Aufmerksamkeit ...
Bitte, sagte sie, die Blumen entgegennehmend. Ich
bringe den Strau kurz in die Kche.
Als sie zurckkam, stand de
r Mann noch immer am Fens-
Auf dem Weg zur Arbeit. Er stra
Wie sind Sie an meine Adresse gekommen? Ich habe
noch keine Aussage gemacht.
Der Feuerwehrmann wandte sich um. Seine Augen funkel-
ten im hellen Licht.
Das Krankenhaus. Ihr Aufnahmeformular.
Glauben Sie, dass gewisse chemische Substanzen voll-
stndig vor Feuer schtzen knnen?
Ich glaube, dass man auf dies
Jeanne dachte nach. Vielleicht eine Spur. Cormier schien
Mchten Sie, dass ich mich erkundige?
Handynummer auf eine Vi-
sitenkarte. Der Feuerwehrmann
steckte sie in seine Tasche.
trauenswrdigkeit wuchs mit
Ich habe die Liste mit Ta
Wird dieser Pflanze eine magische Kraft oder eine sym-
Keine Ahnung. Messaoud hat ein kurzes Resmee ge-
Autismus ist heute ein Oberbegriff fr verschiedene Krank-
heiten, die sich im Groen und Ganzen durch die gleichen
Symptome manifestieren. Stummheit. Realittsflucht. Lern-
Fraud. Sie hrte noch einmal di
der das Kind sie zum ersten Ma
Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass
einige autistische Syndrome
Kommen auch seelische Traumata als Ursachen in Be-
tracht?, fragte Jeanne, das Gesp
lenkend. Werden manche Kinder aufgrund psychischer
strahlte lediglich vollkommene
Souvernitt aus. Eine uner-
schtterliche Heiterkeit.
en mit dieser Krankheit ge-
ssen auf die intrauterine Ent-
Ist das unser Mittagessen?
Ein markerschtternder Schrei
de. Jeanne zuckte zusammen. Si
rtselhafte Welt des Autismus
von dem weien Gebude symbo
lisiert wurde, das im Son-
nenlicht flirrte.
in dem sie sich ffnen und ihre Angst ablegen knnten, um
Der Name sagt mir nichts, ab
er ein Richter hat mich an-
gerufen, ja. Er hat mir Fragen ber Autismus gestellt. Wurde
ihm der Fall entzogen?
Er ist tot.
Wie ist er umgekommen?
Bei einem Brand. Vorgestern.
Hlne Garaudy nahm einen Schluck aus der Flasche. Die
schwester, die vor wenigen Tagen in dem Institut, das Hlne
Jeanne zuckte zusammen: Sie hatte nicht mit dieser positi-
Ich habe den Film von Franois Truffaut gesehen.
Es handelt sich um eine tats
seine Stummheit?
Es gibt mehrere Hypothesen. Itard war der Auffassung,
n fehlenden Kontakt mit Men-
schen und die fehlende Erziehung zurckzufhren war. Aber
dann kam ein alternativer, ja
Heute nimmt man an, dass al
le berhmten Wolfskinder
Na und?
r Mrder, zweifellos auf allen
vieren, die Leiche umkreist.
t das alles, was Sie haben?
Jeanne htte beinahe die meta
llene Stimme des kindlichen
Was halten Sie von diesen Zeichnungen?, fragte sie,
Knnten sie von einem Autisten stammen?
Jeanne erstarrte. Wieder einm
Kder ausgeworfen. Wieder hatte jemand angebissen.
Erklren Sie mir das.
Wiederholung der Motive. Die Anordnung der Zeichen. Es
knnte sich um eine der Chiffres
manchmal erfinden.
Was knnten diese Zeichen bedeuten?
Schutz?
Als sie sich am Empfang ange
habe ich diese Firma gegrnde
n Zusammenhang mit dem Mord
an Nelly?
Franois Taine so hie er
Pavois schwieg. Jeanne begriff,
le Weise sein Mitgefhl oder
Haben Sie den Fall bernommen?, fragte er, nachdem er
Um offen zu sein, nein. Ic
Das war mir klar. War der Richter ein Freund von Ih-
nen?
Sie wanderten ber eine weite Grasflche. Verglichen mit
dem perfekten Rasen in Garches,
dem Gelnde der Laboratoires
Pavois geradezu kmmerlich.
und da von Schlammpftzen gesprenkelt waren ...
Was wollen Sie wissen?
seines Labors zeigen. Wie beim ersten Mal war Jeanne im
Vor sehr langer Zeit waren das X- und Y-Chromosom un-
serer Art gleichgro. Im Lauf der Jahrtausende wurde das Y-
Chromosom immer kleiner. Heut
e ist es im Vergleich zum
weiblichen X-Chromosom
mit schwarzer Oberflche, perfekt aufgerumt. Ein Schrank.
gleichzeitig in die Ermittler hine
gen, die in einer Art Fremdspr
Ziffern, Schaubilder und Sym
dem die Namen von Lndern und Regionen aus der ganzen
Welt. Jeanne erinnerte sich wieder daran, was Nelly nach Fei-
Eine dieser Sendungen erweckte ihre Aufmerksamkeit
sie kam aus Managua, der Hauptstadt Nicaraguas. Der Ab-
Dann sagen Sie mir doch, was Sie auf dem Herzen ha-
Ich bin siebenundfnfzig Jahre
Sie in mein Bro gekommen.
Und?
Es ist Ihr Karma. Aus eine
m Grund, den ich nicht kenne,
werden ihm auf den Fersen bleiben. Ihre Jagd kennt weder
Grenzen noch Atempausen. Vielleicht wird sich dies sogar in
einem anderen Leben abspielen. Aber Ihre Seele und die des
Monsters sind dazu bestimmt, sich zu begegnen und mitei-
Ich hoffe, dass es mir noch in diesem Leben gelingen
Bernard Pavois schloss die Augen, ein trger Buddha im
Schatten des Baumes der Erleuchtung.
Bist du mit den Telefonaten von Taine weitergekommen?
Darber haben wir doch schon gesprochen. Wir haben
fen hat?
noch einmal die Liste der Telef
Das gilt auch fr dich. Hast
Gerichtsmedizin?
Falls es Neuigkeiten gibt, wird man jedenfalls nicht mich
Weit du, wem der Fall bertragen wurde?
Nein. Sobald ich die Namen erfahre, ruf ich dich an.
Damit ich ihnen aus dem Weg gehe?
Damit du weit, wer deine Feinde sind.
Jeanne sagte mit festerer Stimme:
fr Geschfte Plasma Inc. in Managua macht. Und ermittle
den Namen der Person, die Tain
er noch mal telefonieren.
Die Porte de la Chapelle kam in Sicht. Jeanne fuhr von der
Ich habe mich ber mgliche Brandschutzmittel kundig
gemacht. Ich habe Bekannte beim Film angerufen. Stuntmen
nz, die den menschlichen Krper
denfalls nicht in dem Mae,
dass man einen nackten Krper risikolos den Flammen aus-
Zeitraum von mehreren Milli
onen Jahren ... Wir bruchten
Fassen Sie das Wichtigste zusammen.
Die Frau steckte ihre Hnde in die Taschen ihres mit
Lehmflecken bersten weien Kittels. Sie schien zu berle-
Mchten Sie einen Tee?
Bitte keine Umstnde.
Das macht keine Umstnde. Ich habe immer eine
Thermoskanne mit heiem Tee griffbereit.
Dann bitte ohne Milch und Zucker.
Isabelle Vioti ging aus dem Zimmer und kam mit zwei
dampfenden Tassen zurck. Dann legte sie los. Hinter ihr
schienen die prhistorischen Kreaturen zu lauschen, als wren
Im Allgemeinen geht man davon aus, dass sich der
Isabelle Vioti legte ihre Ha
stimmt schon vor der Entstehung der Riftzone. Im brigen
wurde er im Tschad gefunden, wo sich die Landschaft damals
cht mit der Entstehung des Gra-
benbruchs unter einen Hut bringen?
Es beweist vor allem das, was die Paloanthropologen
Der Mensch war mit klimatischen und landschaftlichen Her-
ausforderungen konfrontiert. Verschiedene Familien haben
tion den Weg gebahnt.
Haben Sie keine Skulpturen von dieser Familie?
mo erectus spaltet sich in zwei sehr bekannte Familien auf.
seine Fressfeinde gut beobachten kann. Er ist manchmal Kan-
nen Anfllen in einen dieser Frhmenschen verwandelte.
Gab es damals schon eine Religion?, fragte sie.
Die Religion beginnt spter, mit den Bestattungen. Vor
e keine Freskenmalerei. Er
hren. Whrend dieser Zeit
gnon-Mensch weiter. Und mit
ihm die Kunst der Felsmalerei.
Lacaux entstehen?
Ja, sie wurden damals gemalt.
Was knnen Sie mir ber diese Fresken sagen?
Da kenne ich mich nicht besonders gut aus. Wenn Sie
mchten, gebe ich Ihnen die Telefonnummer eines befreunde-
gen kaum weiter. Der Mrder
ziemlich wahllos aus verschiedensten Epochen herauszupi-
cken. Jeanne gelangte zu dem Schluss, dass der Mrder keine
besa. Vielmehr schien er
Dann kommt die neolithische Revolution, fuhr Vioti
fort. Das war vor 10 000 Jahren. Das Klima erwrmt sich.
durchstreift wird, verwan-
delt sich in dichten Wald.
Ich habe eine Skulptur im
um Cosmo-Caixa in Barcelona aufgestellt. Dort hat sie mir
Wie hat sie in Frankreich gelebt? Hat sie sich zurechtge-
funden?
Das da waren ihre Bezugspersonen. Sie lebte mit Toumai,
Nein, die Bildhauerei war ihr Leben. brigens nicht nur
hier. Auch in ihrem Loft in Montreuil. Dort stellte sie moder-
Was hat man sich darunter vorzustellen?
Abgusstechniken, um damit mode
rne Szenen mit hyperrealis-
ndern, zu kreieren. Ziemlich
dstere Sachen ... Aber man bega
Besitzen Sie die Schlssel zum Loft Francescas?
Sie hat immer ein
Isabelle Vioti zgerte.
lbst die Mhe macht, einen
Zeugen aufzusuchen, oder?
Ich wusste es, meinte die K
Warten Sie hier.
Isabelle verschwand fr eine Minute. Die Dmmerung
schenen Galaxie, deren Licht jedoch noch immer zur Erde
war noch verrckter, als Isabelle Vioti ahnte.
Sie hrte noch einmal seine
Zwei Fragen beschftigten sie mehr als alles andere:
Weshalb hatte Franois Tain
e die Skulptur gestohlen?
hatten nichts gemein mit den
sichtern und Fellen aus der Urzeit. Hier befand man sich mit-
ten in der Gegenwart und vor allem inmitten eines Gewaltex-
zesses, der die Vorgeschichte als ein Zeitalter der Seligen er-
scheinen lie.
Francesca Tercia stellte ausschlielich Horrorplastiken her,
einen modernen Loft umgewandelt worden war. Durch schr-
lerschreibtisch befestigt war.
ngbehlter des Instruments
tik. Was sollte er bedeuten?
Verzeihen Sie meine Frage, aber sehen Sie einen Zusam-
menhang zwischen Melanie Klei
n und einem ... Bleistiftspit-
zer?
Wieder ein Versuchsballon. Und wieder ein Volltreffer.
n Ersten, die die Unfhigkeit
mbolisierung unterstrichen. Ein
Gegenstand, der mit einer be
stimmten Person in Verbindung
beitsplatte, auf der ein Comput
tel und Bcher mit eingeklebte
n Seiten lagen. An der Wand
zen und Polaroidaufnahmen von Partys mit Reizwecken an-
weiterzusuchen. Im brigen wurde es allmhlich dunkel. Es
Als sie die Treppe hinun
Als die Roten die Macht bernahmen ...
Gib mir die Nummer, Patrick. Ich spreche Spanisch. Ich
Tut mir leid, Jeanne. Ich kann diese Grenze nicht ber-
mmen. Sie konnte Reischenbach
geleistet.
Okay, ruf mich heute Abend an, wenn's was Neues gibt.
war. Im Geiste sah sie Mana-
Zehn Uhr. Den ganzen Tag ber hatte sie nichts gegessen. Sie
fuhr Richtung Gare de Lyon und von dort zur Stadtmitte.
ampagner auf dem Gehsteig der
Rue de Seine, da die Galerie bei weitem nicht gengend Platz
fr alle Eingeladenen bot. Jea
nne parkte ein Stck weiter weg.
wollen: Wer will schon mit
einem solchen alten Knacker
nur eine Anmut, eine Harmo-
m den Atem raubten. Zugleich
natrlich und geheimnisvoll.
Tr zu einer Kammer erreichte
Jeanne Korowa, sagte sie und schwenkte ihren Amts-
ausweis, Ermittlungsrichterin am Landgericht Nanterre.
Fromental war bestrzt:
chen Zertifikate fr die Wer-
Darum geht es nicht. Ich
mir, was Sie davon halten. In ze
Einverstanden?
Ich ... Er schloss die Tr zur Kammer. Gut, einverstan-
Jeanne zog die Aufnahmen aus ihrer Tasche. Blutig rote
Zeichen an den Wnden der Tatort
Urucum. Eine aus Amazonien stammende Pflanze. Es war
zweifellos nicht leicht, diese Pf
lanze in Paris aufzutreiben.
Urucum. Eine Pflanze, die
die Indianer Amazoniens be-
nutzen, um ...
weil er sich selbst als eine
mungen und Stilen, aber ich wi
kompliziert machen. Nur so vi
el: Diese Malereien wurden
immer in Hhlen ausgefhrt. Was recht merkwrdig ist.
Wieso?
Weil die Menschen damals nicht
kann alles Mgliche in sie hineininterpretieren. Fr mich lie-
gen die Dinge einfacher.
Nmlich?
Eine bloe Reportage. Die Homo
sapiens sapiens stellten
Das kommt auf die dargestellten Tiere an.
Fromental nahm ein Buch aus einem Bcherschrank, den
Jeanne hinter den Umzugskartons nicht bemerkt hatte. Ohne
zwischen den Beinen hngenden Geschlechtsteil und einem
Oder diese Skulptur, die aus dem Stozahn eines Mam-
r kleinen Statue aufgeschla-
gen, die einen Menschen m
Auch eine Reportage?, fragte
Jeanne mit ironischem Un-
Warum nicht?, erwiderte Fromental ernst. Stellen Sie
sich einen Moment lang vor,
Urzeit tatschlich existiert. Sc
keineswegs aus dem Nichts
sich mglicherweise von rea-
gleichsam Fotos von einer lngst vergangenen magischen
Zum Teil. Aber ich suche vor allem nach Entsprechungen
zwischen diesen Opferungen und den Riten der Frhmen-
schen. Sehen Sie welche?
seine Opfer entstellte.
Was meinen Sie damit?
Der Experte fuhr die Umrisse der Leichen mit seinem Zei-
rautenfrmig. Ein eher kleine
der Weise an die berhmten Figurinen archaischer Fruchtbar-
Ihr kam eine seltsame Erinne
rung. Die ironische Stimme
von Franois Taine im Restaurant:
Welche Krfte besaen diese Gttinnen?
Natrlich Fruchtbarkeit. Als die Urmenschen sich des
Glaubst du, den Mrder dort zu finden?
rufen haben?
Nicht nur deshalb. Nelly Barjac hat fnf Tage vor ihrem
Was war da drin?
Ist das alles?
Nein. Erinnere dich, dass auch mein Psychiater, Antoine
er wolle vor dem Mrder, dem S
: Er verfolgt ihn. Aus irgendei-
nem Grund wusste er, dass er si
abzuhalten, ein weiteres Mal zu
Wer ist deiner Meinung nach das nchste Opfer?
Gut mglich.
Weshalb?
ganzen Sache irgendwie um Bl
Das klingt nach einem Roman.
Wir werden ja sehen.
Weshalb rufst du mich wirklich an?
Wegen der Nummern. Gi
b mir die Handynummer von
mmer des Instituts in Tu-
cumn, Argentinien.
Fngst du schon wieder damit an? Ich habe sie nicht
mehr. Du kannst sie selbst herausfinden.
Ein Handy in Managua mit ei
ner geschtzten Nummer?
Du kennst den Namen der Blutbank. Und was das Institut
fr Agrarwissenschaft anlangt, wird
es in der Stadt wohl keine
Jeanne hatte mit dieser
weiteres Mal und meinte dann
in freundlicherem Ton:
Ich habe meine Akte an Batiz abgegeben. Sie werden mit
den Ermittlungen von vorn anfangen. Das heit, sie werden
die Telefonate von Taine zurckverfolgen. Wie wir es ge-
macht haben. Und dann werden sie denselben Spuren nachge-
ffiziellen Dienstwege halten und
erst einmal den Verbindungso
ffizier fr Mittelamerika und
haben, eine ganze Armee umzubr
kleinste Information auf ihre Anfragen bekommen.
Da kann man nichts machen.
a-Feld anklicken, als sie mit-
ten in der Bewegung innehielt. Im Zeitraffer sah sie noch
Das Antlitz Christi auf der Rckseite eines Busses.
Das erste Bild von Managua oder vielmehr seiner Vororte.
nem unentwirrbaren Rderwerk des Todes und der Grausam-
keit.
Der Fahrer fragte sie, wo ge
te aufs Geratwohl:
Hotel Intercontinental.
Wenn man schon mal einen auf Luxus machte, dann
Jeanne hrte nicht zu. Sich hinter ihrer Sonnenbrille ver-
man vor, Gelder in Hhe von fast
Labyrinth mit Wassermelonen, Bananen, fliegenden Hnd-
lern, Schuhputzern, Streichholzverkufern ...
Klotz aus Betonfertigteilen, ge
und verschlafenen Wachposten. Hngematten waren zwischen
Bumen aufgespannt. Polizeifahrzeuge schmorten in der Son-
e Atmosphre, die typisch fr
Mittelamerika war, halb n
militrischbedrohlich ... Entlang de
s Eisengitters zog sich eine
Bauern, die mit ihren Unterlagen, ihren Sandwiches und ihren
Kindern scheinbar gleichmtig
Amtsausweis vor den Wachposten. Der Bluff gelang. Zumin-
dest am ersten Portal. Ihre Strke waren ihre guten
Spanischkenntnisse. Sie sprach es nicht nur flssig, sondern
auch mit dem lokalen Akzent. Die Soldaten waren beein-
gon beherrschte, als wrde sie in einem benachbarten
wohnen. Ein blauer Stempel auf der Hand sollte ihre alle T-
damenten. Zur Gnze aus brchigem Material erbaut, schien
es auf das nchste Erdbeben zu warten, um dann wiederauf-
gebaut zu werden.
Endlich fand Jeanne das Bro des Richters. Sie war
dringenden Sache empfangen zu werden.
fene Tr sah sie die Menschenme
nge, die sich in den Rumen
drngte. Vor dem Hintergrund
des Stimmengewirrs klackerten
angeschlagene Computertasten
schen Version eines Schlussverkaufs bei den Galeries La-
achtziger Jahren verdankte. Eva Arias war eine derjenigen,
kt waren, gegen den Staatspr-
sidenten Arnoldo Alemn und seine ganze Familie vorzuge-
hen, als sich das ganze Ausma
Jeanne verstummte. Die Stille in dem Bro wurde schwe-
Schlielich fragte diese mit
ernster, bedchtiger Stimme:
Was wollen Sie von mir?
Ich dachte ... Nun, ich denke, dass Sie mir helfen knnen,
Sie haben keine Namen, nicht einmal ein anderes Indiz,
um sie zu identifizieren.
Jeanne dachte an Antoine Fraud er kannte den Fami-
liennamen des Vaters. Sollte si
e ihn erwhnen? Die Vorstel-
lung, dass Fraud zur Fahndung ausgeschrieben wrde, als ob
er der Tter wre, missfiel ihr.
Joachim der Mann ist, der die Morde, von denen ich Ihnen
Und?
Wenn dieser Mann tatschlich nicaraguanischer Abstam-
Wann?
Joachim ist fnfunddreiig. Me
Heranwachsender mit dem Morden begonnen. Er hat eine
. Man msste im Archiv die
Ich kenne sie. Ich kann mir durchaus denken, dass die
Umstnde in den achtziger Jahr
Die Massenmrder waren gerade aus den Regierungsm-
tern vertrieben worden. Wir si
ten sich zu einer drckenden Last, die immer schwerer wurde
und das Atmen mhsam machte. Jeanne fragte sich, ob sie
gespielt. Sie hatte den Namen von Eduardo Manzarena ver-
Sie rief ein weiteres Mal bei Plasma Inc. an.
mer nicht da. Jeanne be-
schloss, erst einmal bei
zu recherchieren. Die Kli-
maanlage des Taxis verschaffte ihr behagliche Khlung. Das
fand sich am anderen Ende
eingehend zu mustern.
Es herrschte dichter Verkehr.
Und an den roten Ampeln
durch, um alles Mgliche Zuckerwatte, Hunde, Hngemat-
den Menschen keine Ruhe. Eine Art permanente Totenwache
hre amerikanische Ausbeutung.
revolution. All dies, um in eine
Grund, um optimistisch zu sein.
Mit einer Wut, zu der sich eine befremdliche Lust gesellte,
nis auf. Die blutrnstige Schreckensherrschaft von Anastasio
Somoza Debayle, Erbe einer
die Fragen von Journalisten nach seinem Vermgen hatte der
eine Marktlcke in den USA entdeckt: das Geschft mit Blut-
pro Woche verkauften, ohne ihre
m Krper die Zeit zu lassen,
sich zu regenerieren. Infolgedessen waren mehrere Menschen
in den Rumen der Blutbank gestorben. Die Gemter hatten
sich erhitzt. Plasma Inc. wa
r zum Symbol der menschenver-
achtenden Ausbeutung durch die Diktatur geworden. An ei-
nem Tag des Jahres 1978 hatte sich der Zorn entladen; das
war ausgebrochen. Aber der
Vampir von Managua war verschwunden.
Die sozialistische Regierung hatte den Handel mit Blut und
Plasma verboten. Von nun an so
nd es durfte nicht mehr expor-
tiert werden. Aber die Jahre
Vergangenheit kehrten zurck. Arnoldo Alemn und seine
schft fortzufhren. Heute mach
te er dem Roten Kreuz wieder
Konkurrenz, und die Menschen standen vor seiner Firma
Er hatte sein Imperium sogar vergrert und Blutsammel-
stellen in Guatemala, Honduras, Salvador, Ecuador und Ar-
Ritter, der seine Feinde niedergestreckt hatte: Gerechtigkeit,
Was aber hatte der Vampir am 31. Mai an Nelly Barjac ge-
schickt? Eine Blutprobe? War
cken der Computertastaturen
hallte von den Wnden wider
wie die Klnge eines Totentanzes.
stank. Die Zeitverschiebung. All das zog ihr den Magen zu-
sammen. Da fiel ihr eine klei
ne Frau auf, die sympathisch
aussah. Um die fnfzig Jahre alt.
Karierte Bluse. Ein flaches
Gesicht mit Mandelaugen, verbor
gen in den Blutentnahmerumen bei Plasma Inc. nicht makel-
schte eine Putzfrau mit einem
Linoleumfliese wieder an.
ros mit Ventilatoren und Sekr
ken Zimmers war geschlossen, die des zweiten stand offen. Es
Der Fahrer erklrte ihr, wie si
e zu Fu zur Villa gelangte. Die
ging sie die Strae hinauf. Instinktiv wollte sie an der Tr
In der Strae herrschte eine beklemmende Stille. Die Hu-
kelheit schwerer und massiver.
eannes Schritte hallten in der
Finsternis wider, whrend sie an mchtigen
Bumen vorbeiging. Den Namen hatte sie in einem der Fhrer
gelesen, die sie sich am Madrider Flughafen gekauft hatte.
Schlielich fand sie die Villa der Chauffeur hatte ihr das
einem menschenleeren, dunklen
lometer von Paris entfernt ...
Sie wollte schon umkehren, als ihr eine Idee kam. Eine
berhaupt. Eine Aktion, mit der sie in einem der Gefngnisse
Knauf des Tors gepackt zwei durchbrochene Eisenplatten,
mit Motiven und Arabesken verz
iert. Kein Widerstand. Jean-
ne blickte sich um und schlpfte dann in den Garten hinein.
Backsteinofen, whrend der Schwei an ihrem Krper
Sie ging weiter. Hier wehte kein Lftchen. Ihr war, als
durchquerte sie ein langsam
von Fleisch mit Hautgout. Am Ende
sammengesackt; sein Kopf lag auf dem Tisch, unter dem Git-
ter der sirrenden Klimaanlage.
spaltenen Wassermelone, aus der sich Gehirnmasse auf die
lederne Schreibunterlage ergoss. Eine Wolke von Mcken
Joachim war ihr zuvorgekommen.
Durch den Mund atmend, machte Jeanne zwei Schritte ins
und Kaugummi Latexhandschuhe, die sie immer bei sich trug.
den Film
weil er der Snde der Gaumenlust frnte. Der Tatort erinnerte
blutiger Stumpf, am Ellbogen
rgen gemacht, als Manzarena
nicht erschienen war?
bei den Nachforschungen weiterhelfen konnte. Sie suchte den
Boden mit den Augen ab. Die
Wellen aus silbergrauen B-
chern. Sie griff nach einem der Bnde. Die spanische ber-
dem Rechner ersphte sie eine
s, das nur wenig beschmutzt
war. Hastig bltterte sie es
gegen ein Regal, das nachgab, worauf weitere Bcher auf die
Exemplare fielen, die bereits
verstreut am Boden lagen.
Jeanne htte beinahe losgelacht aus reiner Nervositt.
Noch an keinem Tatort hatte si
Jeder tappte einfach mit seinen Straenschuhen kreuz und
quer herum. Kein Polizist trug
ner komischen Variation ber
schem, magischem Gedankengut besessen war ...
Warum haben Sie mir heute Nachmittag nicht alles ge-
sagt?
Was wissen Sie ber Eduardo Manzarena?, fuhr die Ni-
Das, was ich im Archiv von
mit Blutkonserven eingestiegen
kamen, ist er verschwunden. In
Als die Rechten wieder an die Macht kamen.
In der Stimme der Richterin la
g kalte Wut. Der Zorn dar-
ber, dass die Sandinisten damals
einem Fenster. Ihr Gesicht
kommen. Das war nur die offizi
schon lange nicht mehr ins Bro.
Ich muss seine Leibwchter
ausfindig machen, murmelte
llten. Sie wissen mit Sicherheit
rin mit ihrer dunklen Stimme. Bislang trugen die Serienmr-
der bei uns immer Uniform und begingen ihre Taten in der
ter ber ein einzelnes Opfer herf
llt, verstehen Sie? Es er-
scheint wie eine Art Luxus. Und mit einem schwachen L-
cheln fgte sie dumpf hinzu:
amerikanischer Luxus.
Der Mrder stammt aus Ihrem Land.
Jeanne verstummte. Ein Polizis
Sie wollte ihm gerade folgen, als Eva Arias ihr nachrief:
Nein, aber damit schlie
rn ein. Wie l und Wasser ge-
Luxushotel bewahrte seine Gleichgltigkeit.
Sie machte es sich in einem
Liegestuhl bequem und dachte
ber ihre Reise nach. Sie hatte diesen Fall unbedingt ber-
ff war der Gegensatz zwischen
te des Vorderdeckels entfernen,
um ihn zu erreichen. Vorsichtig zog sie ihn heraus. Eigentlich
Emmanuel Aubusson immer wie-
der gesagt hatte. Sie hatte ein
seinem Schreibtisch gelegen ha
Zwar habe ich mit meinen eigenen Augen nichts gesehen,
schen Niels Agostos Brief und der Erkrankung Joachims.
Agosto sprach ausdrcklich vom Wald der Seelen.
des las Almas
doch auch mit Wald der
Wie kommen Sie voran? Von
Ich wei nicht, wie weit sie mit ihren Ermittlungen sind,
aber ich musste verreisen.
Wohin?
Auf den Spuren des Tters?
Das ist Ihr Karma, ich hatte
es Ihnen doch gesagt. Wes-
halb rufen Sie mich an?
Nelly Barjac hat am 31. Mai ein Pckchen aus Managua
Und?
Absender war die Firma Plasma
Inc., die einzige private
chen von einem gewissen Eduardo Manzarena aufgegeben,
dem Geschftsfhrer der Firma.
Man nennt ihn auch den Vampir von Managua.
Mit was fr Leuten Sie zu tun haben ... Sind Sie ihm be-
Er soll eine derartige Probe
ben?
um den Erreger zu
identifizieren.
Wir knnen eine Anomalie nur da
um ein Gen handelt, das bereits identifiziert wurde. Wir erfor-
le, umgeben von prhistorischen Menschen mit affenhnli-
chen Gesichtern.
10.00 Uhr morgens. Bei Plasma In
c. schien alles normal zu
Jeanne passierte die erste Spe
sie den glhenden Asphalt. Die Hitze kam ihr noch schlimmer
vor als am Vortag. Um die Mittagszeit wrde die Stadt einem
Vulkankrater gleichen.
Im Innern des Gebudes lief das Geschft in ruhigen Bah-
nen. Warteschlangen, Gedrnge an den Schaltern, surrende
Plasma Inc. hat in ganz Lateinamerika Zweigniederlas-
und quer durch die einzelnen Lnder fahren. Das sind die mo-
t fr diese LKWs zustndig.
Argentinien aktiv?
Haben Sie von einem Problem in diesem Land gehrt?
Was fr ein Problem?
Wann ist das passiert?
Joachim konnte also nicht der Tter sein im brigen war
das nicht sein Stil.
Weshalb wollte man ihn umbringen?
Es sind Extremisten. Es ist ...
flaches Gebude in einem eingezunten sandbedeckten
ein militrisches Forschungszentrum. Jeanne ging zum Pfrt-
punkt. Erste Schlappe. Die Besu-
cher mussten einen rztlichen berweisungsschein oder einen
Dokumente zu beschaffen. Also
musste sie improvisieren.
Jeanne reihte sich in die Warteschlange ein, die sich am
lei Probleme, sich einen ber
Fertigte eine geflschte ber
weisung an, die auf ihren Namen
Managua auf einer Mllkippe lag. Sie war fest davon ber-
zeugt, dass er mit dem Feuer gespielt hatte. Er hatte den Vater
und den Sohn gefunden und ... Sollte sie nicht besser mit Eva
Arias darber sprechen? Wenn
Jeanne griff nach dem Buch und ihrem Zimmerschlssel.
gen Ort im Freien zurckzie-
hen und dieses Werk studieren.
Managua besitzt viele angenehme und ruhige Orte, die zu
Mue und Erholung einladen. An ihrem hchsten Punkt be-
schichtstrchtigen Nationalpark Loma de Tiscapa.
s bei ihrer ersten Reise be-
gelegt: TISCAPA ... Jenseits da
von sah man die Stadt, eine
mung. Im Vorwort wies der ber
ausschlielichen Zugang zu smtlichen fortpflanzungsfhigen
Gruppen die Shne gegen den dominierenden Vater auf. In
einem Akt kollektiver Gewalt
bonmethode datiert und von Scha
siert worden war?
Jeanne ahnte die Antwort. Freuds Hypothese war ein My-
thos. Der dipuskomplex das Begehren der Mutter, der
Mord am Vater hatte von jeher im Unbewussten des Men-
leicht die Linie berschritten
rische Ereignis auf einer ima-
wurde so zu einem Erwachse
puskomplex zu tun. Diese Krankhe
eine Art primitive Regression,
schon wurde sie von der Schlange gegen die Wand gedrckt.
Eine mit Arabesken und Spiralen verzierte riesige Ttowie-
Sie erdrosseln wie eine Boa c
onstrictor. Eine Klinge schim-
merte im Halbdunkel wie ein Tropfen Quecksilber und drck-
Jeanne glaubte, gleich in Ohnmacht zu fallen. Sie regis-
trierte Bewegungen im Finstern. Die rote Flamme war ein
Tuch um den Kopf des zweiten Angreifers, der ber den
Die Flamme rammte ihr Messer noch einmal in die Keh-
sprudelte. Wirbel barsten. Die
weiter, die Hand bis zum Ge-
lenk in die klaffende Wunde versenkt.
Wir wollen kein Blut von Untermenschen!
Mythische Mrder.
Aber diese Mythen sind mir verboten.
Als der Schdel auf dem Boden aufprallte, schloss
Die barfige Richterin hielt eine Dose Pepsi Max in der
chert werden musste. Der Stroma
zu lassen. Sie wollten Jeanne unbedingt davon berzeugen,
dass dies in jedem anderen La
Stromstrung und dem Entwickl
Mordanschlag sorgfltig geplant.
Jeanne machte eine Geste, die sagen wollte: Lassen Sie es
gut sein mit Ihren Kabelgeschic
hten. Sie hatte um einen Tee
Es sind Gerchte. Es heit, Plasma Inc. htte tierisches
Blut importiert und damit se
glauben daran. Im brigen
riecht fr sie alles, was mit E
Jeanne begriff, dass die Tter sich nach dem Mord an Niels
Agosto auch den Vampir von Managua vorgeknpft htten.
elleicht ein Krnchen Wahr-
heit enthielt. Wenn das von Niels
Agosto eingefhrte Blut mit
einem Virus verseucht war, das Infizierte in wilde Bestien
Ihre Wut schien nachzulas-
Arias wrde sie am liebsten erwrgen. Die Franzsin war ge-
rade einmal zwei Tage im La
Rassistische Vorurteile in B
Im Zweiten Weltkrieg sind die
deutschen Soldaten in Nordafri
die amerikanischen Soldaten die Weien haben dem Ro-
Der Handel mit Blut ist in Lateinamerika immer gleich-
bedeutend mit Ausbeutung und Elend. Die armen Lnder ha-
Frauen und ihr Blut. In Brasilie
n verzeichnen die Firmen, die
in Rio eine deutliche Zunahme ihres Geschftvolumens. Die
um sich ihr Kostm bezahlen
haften Tat, die sie gerade miterlebt hatte, berfielen sie mit
Schreie der Mrder.
sie in krampfartige Zuckungen
einer bestimmten Gang zum
fnden sich vor allem in El
Als der Angreifer Agosto erstochen hat, nahm Jeanne
den Gesprchsfaden wieder auf, murmelte er seltsame Wor-
Was fr Worte?
Er hat von einem Mann aus Ton, einem Mann aus Holz
und einem Mann aus Mais gesprochen. Er schien sich im Na-
men dieser Mnner auf sein Opfe
r zu strzen. Sagt Ihnen das
Eva Arias die Schar in die
Beispiel habe meine ganze Familie verloren.
Jeanne stellte das Foto zurck.
Was ist aus Somoza geworden?
vor Mordanschlgen geschtzt. Nicht bis zum Schluss. In
gewisser Hinsicht ist sein Ende sogar komisch.
Wieso komisch?
alle Wechselflle des menschli
mehr. Er war ein Held, ei
Was meinen Sie mit hart?
ngers Memoiren gelesen?
die man braucht, um erfolgreich Friedensverhandlungen zu
n Mann von diesem Schlag.
deutschen Band, die ihre Mutter
hrt hatte, neben Can, Tangerine Dream, Klaus Schulze ... Sie
zum Trumen anregende,
synthesizergesttigte Musik im Ohr, bei der es manchmal zu
regelrechten Percussion-Orgien kam.
Ist das ein Codex?
Nein. Sie bringen die Epoche
zes sind Bilderhandschriften au
es nicht zulassen, dass Agosto und Manzarena den Maismen-
schen beschmutzen. Aber, um es noch einmal zu sagen, all
Ich nehme an, dass Manzarena und Agosto Blutspende-
Leute, die auf seiner Liste
standen, im Namen irgendeiner
Reinheit der Rasse umbrachte.
Man hat mir von groen Mengen verseuchten Blutes er-
tatschlich
verseuchten Blutes. Blut, das Plasma Inc.
aus der Regin Noreste in Argentinien importiert haben soll.
Was halten Sie davon?
Das kann ich mir nicht vorstelle
n. Plasma Inc. ist ein soli-
des Unternehmen, das seine Konserven nach Nordamerika
Ich habe in diesem Fall kein
ist richtig. Aber der Richter,
dem ich Ihnen erzhlt habe, war ein Freund von mir. Um sei-
Das dachte ich mir.
Was wollen Sie damit sagen?
ein geheimes Gebrechen von ihr erwhnt.
Jeanne, nehmen Sie es mir bitte nicht bel, aber es ist of-
Paris hlt. Dass Sie sich in die
ternommen haben, um Paris und Ihre Einsamkeit zu verges-
Ich glaube, dass wir hier vom Thema abschweifen.
Jeanne stand auf und sprach unvermittelt lauter: Vor allem
Seien Sie nicht so empfindlich.
Wir haben uns nichts mehr zu sagen.
Sie blieb auf der Schwelle der Veranda stehen. Aus der
Blttern.
Welche?
Mrder damals identifiziert.
Was?
ihrer Brust, ihrer Kehle und ihren Schlfen.
Wer war es?
In Peru hatte ihr ein Pressefotograf einmal gesagt: Wenn
man Schwierigkeiten im Ausland hat, fllt es einem oft erst
Zweck folgend, die beiden amerikanischen Kontinente mitei-
Die Nacht war schwarz. Jeanne bedauerte, dass sie nichts
ihren Kratern, den Seen und ihren perlmuttern schimmernden
Oberflchen, dem gewaltigen Dschungel mit seinen ver-
schlungenen Lianen ... Stattdessen folgte sie diesem einfrmi-
gen Asphaltband, die Hnde ans Lenkrad geklammert, die
Augen zusammenkneifend, wenn sie von den Scheinwerfern
eines entgegenkommenden Fa
, dass alles im Fluss war. Sie
auf. Nichts zeigte dies deutlicher als die Tatsache, dass sie
beim Begleichen ihrer Hotelrechnung beinahe der Schlag ge-
Sie konzentrierte sich auf die
war das pulsierende, anarchische Leben am Rand der Paname-
ricana: unglaubliche Geschfte, Baracken aus Reifen und
Teerpappe und dreckige Imbissstuben. Dort wurden bunt
durcheinander Schwne aus Stuc
k, Gartenzwerge, verchromte
nahm die Schlssel entgegen und einen neuen Wagen in Be-
sitz. Ein brandneuer RAV4 Toyota.
Marc hatte gesagt: In El Salvador werden Sie die besten
Straen Mittelamerikas finden. Das stimmte ... sofern sie
m an dantesken Baustellen vor-
verschoben, whrend von berall her mit Roterde gefllte
vorbei, folgte der Behelfsstrecke, erblickte Gestalten in Re-
genkleidung, in rmellosen T-Shirts oder mit nacktem Ober-
Priesters, der zum Mrder geworden war.
Als Jeanne sich wieder auf
den Weg machte, prangte be-
reits die kupferfarbige Sonnenscheibe ber dem Dschungel.
Das Erste, was sie von Guatemala sah, war ein dunstverhan-
gener Wald. Dichter silbergl
nzender Nebel umlagerte die
Bume. Zhe Dampfschwaden zogen durch Wipfel, Strucher
Landschaften der chinesischen Malerei erinnerten.
Es war Freitag, der 13. Juni. Hoffentlich kein schlechtes
in einem fort planlos weiter
Sie fuhr in ein Schlammloch hi
entieren. Vergeblich. Man wusste nicht mehr, ob der
Schlamm vom Himmel fiel ode
Jeanne musste immer wieder an einen Satz denken, den Geor-
ges Arnaud seinem Werk
vorangestellt hatte.
mge in diesem Buch nicht je
spiel gibt es nicht. Ich wei
Genau dieses Gefhl hatte sie im Moment. Keine Stadt, kein
Elend und Schmutz, aus der sich
cienda oder, im Gegenteil, die
mit Maya-Motiven verknpften.
Jeanne stellte ihren Wagen
auf dem Kirchenvorplatz ab.
Indiofrauen nherten sich mit
eine Gruppe belgischer Jesuiten: Brder vom Maison Saint
Ignace.
Im Innenhof, dessen Weitlufigkeit an eine antike Arena
war, sodass die Backsteine wie Wunden zum Vorschein ka-
men, kreideweie Gewlbegnge, verzierte Pflastersteine,
Brunnen ohne Wasser.
Ein Indio schob eine Karre vorbei. Jeanne winkte ihm zu
und erklrte, mit dem Jesuiten sprechen zu wollen, den sie
unterwegs angerufen hatte: Bruder Domitien. Der Maya-
noch verstrkt wurde. Bei seinem Anblick musste Jeanne an
eine Figur ergeben hatte.
Sie wissen doch gar nicht, was mich hierherfhrt.
Am Telefon haben Sie mir
gesagt, dass Sie Ermittlungs-
richterin sind. Wir haben nichts
mit der Justiz zu schaffen.
Und schon gar nicht mit der franzsischen Justiz.
Hren Sie mich doch erst einmal an.
Handvoll Mnche. Wir kmpfen hier mit unseren Waffen. Fr
das materielle Wohl und das Seelenheil der Bauern. Wir ha-
ben nicht das Geringste mit irgendwelchen Verbrechen zu
Trotzdem wurde hier vor langer Zeit ein Verbrechen ver-
Darum also geht es.
Bruder Domitien sah Jeanne mitleidig an.
Zwanzig Jahre spter kommen Sie, um diese alte Ge-
Und warum nicht?
Pierre Roberge hat alles in
allem nur einige Stunden in
Antigua verbracht. Er ist gleich weitergereist zu der Missions-
Ziel war. Ein Waisenhaus am
Atitln-See.
Woher kam er? Aus Belgien?
Damit war eine erste Verbindung zwischen Mittelamerika
sich im Dschungel von Nordost-Ar
te sich Roberge dort mit der
Krankheit angesteckt? Jeanne
e wrde ihre erste brauchbare
Spur nicht so ohne Weiteres fallen lassen.
Was wissen Sie ber ihn?
Damals war ich noch nicht hier. Ich bin neunundzwanzig.
Meine Superioren haben es mir erzhlt. Sie haben es bedauert,
alten Spanier in Frauds Praxis
um Roberge gehandelt haben?
Sie hrte wieder seine Stimme: In meiner Heimat war das
die Frage, sondern auf die Situation. Er wollte nichts mehr
Ich habe Roberge gut gekannt. Er war die Sittenstrenge in
muy bien
sagte sie
statt
Haben Sie das Kind gekannt?
Juan? Natrlich.
Jeanne machte sich Notizen. Juan und nicht Joachim.
Hatte sie sich in der Iden
Wie war er?
Wie alt war er?
Geistern besessen. Vor allem hier
, wo man immer sehr schnell
mit Gott oder dem Teufel bei der Hand ist.
Auf einem groen Bruchstein si
tzend, machte Jeanne sich
ohne Bau. berall waren Lcher, Schutt, ausgegrabene
dem Gelnde ausg
elegt waren,
um die Ausgrabungen und Funde vor den Regengssen zu
nmal abgesehen von einem gol-
denen Kreuz an seinem Hals.
von Staub berzogen. Aschgraue Haut, fahle Haare und Brau-
n waren die einzigen Was-
lebensfeindlichen Wste. Sie d
achte an die Styliten, die Ere-
miten, die in den ersten Jahrhunderten nach Christus in Ws-
ten lebten.
Haben Sie keine Fotos von Juan?
Warum?
e vor allem und jedem Angst.
Er hat den Mord gestanden?
Was ist dann passiert?
hier, in Guatemala, gengt ei
Polizei hat bemerkt, dass er Mrchen auftischte.
ch die Polizei nicht mit dem
m Land wie diesem htte zur
damaligen Zeit eine solche Erkl
rung als Beweis ausreichen
Du bist ohnmchtig geworden,
Tut mir leid. Ich bin die ganze Nacht durchgefahren.
Jeanne sttzte sich mit einem Ellbogen vom Boden ab. Sie
Durch ihre Jacke sprte sie
Trink das!, forderte Rosa Maria sie auf und hielt ihr das
Was ist das?
Maispaste, mit Wasser, Milch, Salz und Zucker auf-
gekocht. Als erste Strkung. Da
mssen. Aber nein. Sie konzentrierte sich auf die kleinen
Haufen aus Steinen und Kerami
fhlte sie sich besser.
Ich werde dir sagen, was du dor
mens Hansel aufsuchen. Ei-
nen reinrassigen Indio. Einen zw
Schwarzhandel mit Fundstcken
aus prkolumbischer Zeit. Er
Hand auf die Schulter, damit sie sitzen blieb.
In diesem Zustand fhrst du
mir nicht! Hast du ein Au-
to?
Ich werde dir meinen Fahrer
Um an einen Typen wie Hansel her-
anzukommen, brauchst du sowi
eso einen Mittelsmann.
Wie benommen nickte Jeanne ein weiteres Mal mit dem
Kopf. Sie fhlte sich matt, schwach, von der Rolle ... Und
wiedergeboren.
Was ist ein Ladino?, stammelte sie.
Rosa Maria spuckte aus.
Er unterbrach sein rassistisches
deres Thema aufzugreifen, das ihm am Herzen lag: die Min-
er Mittelamerikas. Die Nicara-
sse. Die Costa-Ricaner waren
Banausen. Die Panamaer hatten si
ch an die Vereinigten Staa-
Wieso?
Damit ihre sexuelle Energie
nicht bescheuert?
ihren Neonrhren, ihrem nutzlosen Krimskrams einem ausge-
im Umkreis des Kratersees mit
landschaft war der Schauplatz eines echten Vlkermords ge-
der einen groen Sombrero
morgens in Paris. Aber das machte nichts. Der Polizist war
Neuigkeiten?
schern Werkzeuge fr Erdarbeite
n, unterschiedlichste Materi-
alien. Jedenfalls ist de Almeida Paloanthropologe.
Wie alt ist er?
Keine Ahnung. So um die dreiig.
Jorge kannten sich seit langem, seit ihrer Studienzeit. Vor
ihrem inneren Auge sah sie das Gruppenfoto vom Campus der
Universitt, das sie im Atelie
r in Montreuil hatte mitgehen
lassen. Auf diesem Foto war der Kopf eines frhlichen jungen
Mannes mit einem Kuli eingekreist worden, und darber
Und wenn der Geliebte Jorge de Almeida
Hast du mit de Almeida sprechen knnen?
Wo?
Okay. Kannst du mir ein Foto von ihm beschaffen?
Ich werde sehen ... Willst du nicht selbst anrufen?
Panajachel am Atitln-See.
Panajachel lag an einem Hang
che des Sees zu erkennen, ber dem ein dunstverhangener
Nicols biss die Zhne zusa
mmen. Seine Miene drckte
mung. Selbst wenn sie nur ein paar Sekunden lang stehen
blieben, strmten sogleich Horden von Kindern herbei, die
Gsschen nur beklemmende Dinge
einer Pftze aus schwarzem Schlamm herumpatschte. Aus-
gemergelte Hunde mit lateritv
erschmiertem Bauch, die ir-
gendeinen Kadaver zum Abnagen suchten. Arbeitsbhnen mit
die einen Hautgout verstrmten.
Jeanne klapperte mit den Zhnen die Angst, die Klte, der
mer keinen Pullover gekauft.
Sie stieg von dem Tuk-Tuk ab und wagte sich vor bis zur
terhielt sich mit einem vier-
schrtigen Mann, der ihm den Rcken zuwandte. Alles, was
, halb heisere Stimme des Au-
tomechanikers:
Das fing schon mal gut an. Sie be
ihm wenigstens annhernd wie-
der menschliche Zge verlieh. Das einzige horizontale Ele-
ment waren die Augen Indi
verkaufen, um mir ein Muschen wie dich leisten zu knnen.
m kein Wort geglaubt, aber
er sie nicht anzeigen wrde
man, in dem ein Strfling ei-
bei sich aufgenommen hat ...
Die Elenden.
Und danach?
Erinnern Sie sich an das Kind?
ze Seele. Ein echter Satan.
Wollen Sie damit sagen, dass er autistisch war?
Da war er wieder, der alte Aberglaube.
Hat einem nie in die Augen gesehen, fuhr der Plnderer
Selbst Roberge misstraute ihm.
Er blieb immer in seinem Kabuff, das er nur nachts ver-
lie. Ein echter Vampir. Eines Ta
ges sagte mir Roberge, er
knne im Dunkeln sehen.
Erinnern Sie sich, ob er ein Problem mit den Hnden hat-
te?
Und ob! Eines Tages habe ich einen seiner Anflle miter-
lebt. Er wlzte sich auf dem B
Pltzlich verdrckte er sich im
krabbelte sehr flink auf allen vieren, die Hnde vllig ver-
dreht. Ein Schei-Makak!
Was genau passiert ist, wurde
nie geklrt, aber als man sie
Hat Pierre Roberge mit Ihnen ber den Mord gespro-
chen?
en, dass er sich der Tat be-
zichtigte.
Was glauben Sie?
Nummernschilder hingen um ihn herum an der Wand oder
lagen auf Regalen. Im Widers
chein der Glhbirne schimmer-
ten diese Objekte mattgolden man htte meinen knnen,
dass es sich um einzigarti
ge Wertgegenstnde handelte.
Wo ist dieses Grab?
Auf dem Friedhof von Solol. Genauer gesagt, in der N-
Holt mich um Mitternacht ab.
Danke, brummte sie. Sie haben Mumm.
Hansel grinste abermals. Entgegen allen Erwartungen hatte
Wissen Sie, woran man hier Jade erkennt?
An der grnen Farbe, oder?
viele grne Steine. Man nimmt
m Stein. Wenn er Kratzspuren
aufweist, ist es keine Jade. Hi
Sie meinen, bei Ihnen hinterlsst nichts Spuren?
Wie bei allem, was
Kaum hatte Jeanne die Garage
einen weiteren Blick zu. Er wirkte wtend und enttuscht. Sie
e wollte, dass der Fahrer mit
Auf dem Rckweg kamen sie an
einem Geldautomaten vorbei
zweifellos dem einzigen in der
ganzen Stadt. Mit Hilfe ihrer
Schmuckstck, fr das sie 2000 Euro bezahlt hatte. Sie moch-
dieses Objekt an ihrem Handge
lenk erinnerte sie immer wie-
der daran, dass niemand ihr je ein Geschenk gemacht hatte.
Tim und seine Freunde sollen
werden. Aber Tim hat in der Ze
sem Tag zu einer Sonnenfinster
die die Maya-Astronomen f
Schweigen. In diesem Raum gab es nicht einmal eine
Stechmcke sie hatten sich in die Tler zurckgezogen, auf
der Suche nach der wohltu
Nicols beugte sich vor. Seine schwarzen Augen, sein
schmales, weies Gesicht, sein
Schon im sechsten Jahrhundert waren unsere Kalender genau-
sind. Eines Tages werden wir
e in Bolivien. Und eines fer-
dem See. Jeanne hatte noch ni
ellen Farben gestrichen. Die
Grabmler glichen buntgemustert
frohen, mit Struen aus Plasti
kblumen verzierten Mauerni-
schen standen Urnen mit der Asche von Verstorbenen. Ein
Hansel, der Jademann, stapfte mit forschen Schritten
schenlampe, deren Lichtkegel
tiago Atitln. Selbst in den Kirchen sieht man ihn zwischen
Maria und Petrus. Also gut. Stei
Weshalb auf Englisch? Das Wichtigste aber schien die darun-
ter stehende Grabinschrift:
ACHERONTA MOVEBO
Die Worte kamen Jeanne bekannt
Wenn im Rahmen eines Seligsprechungsverfahrens die sterb-
lichen berreste einer Person exhumiert wurde um deren
, fand man hufig einen gut
konservierten Leichnam. Daraufhi
Behrden, der Tote verstrme den Wohlgeruch der Heilig-
zierende, ausgemergelte Mumie, die beiden Maya, die ihre
dem Gesicht von Roberge zu nhe
Unter ihrem Gewicht zerbrach der Leichnam wie dnnes
Glas. Die Haut war erhalten aber der Krper war innerlich
Kristalle. Mit der anderen Hand
Jeanne kehrte ins Hotel zurck. Ihr Gesicht glhte noch im-
mer, so sehr hatte sie unterweg
te, dass es drauen regnete. Ein Wolkenbruch, der mitten in
der Nacht niederging. In ihrem
Zimmer fhlte sie sich ge-
Es hatte aus dem Fenster von Antoine Frauds Badezimmer
gesummt. Und es zerbrach die Kno-
chen seiner Opfer in Tiefgara
Joachim ..., flsterte Jeanne.
Sie berwand ihren Widerwille
Gesicht eingehend zu mustern. Das zerzauste schwarze Haar
hatte nie einen Kamm oder eine
Mhne sprang einem ein Gesicht entgegen wie das einer
wie das eines Hundertjhri-
Grausamkeit war, strahlte die gleiche Gewaltttigkeit aus wie
Hinzu kam eine erfreuliche berraschung: Die Zeilen wa-
ist uns schon vorausgeeilt. Ich spre das Misstrauen, das uns
Wir sind mit dem Jeep nach Panajachel weitergefahren. Die
in den Flammen hin und her. Die anderen Bauern, von Waf-
wissen. Die Abstammung Juans alias Joachims
... Sie bltterte weiter. Roberge
schilderte seine Schwierigkei-
ten mit den Indios und dem Militr. Mitte Juni 1982 entdeckte
tinien ber den Fall Juan gemacht hatte, in dieses Tagebuch
zu bernehmen. Bislang hatte er
Auf den folgenden Seiten fand sie noch immer nichts oder
n. Roberge vermerkte die Namen
der vielen Personen, die spur
gen, Entfhrungen, Folterungen, Verstmmelungen. Der Jesu-
um dauerte ber eine Woche. Da
ben, Stichen, Schrammen, Schnitten berzogen. Dritte Bemer-
Toms hat ihm eine Penicillin-Spritze verabreicht. Wir ha-
Wie hat er sich verteidigt?
er zusammen. Der Arzt ist sich
oder stumm ist. Trotzdem zeigt er keinerlei Interesse fr die
25. Mai 1981

Bald mchte ich mit seiner
war vier Uhr frh. Die Dimen-
sionen dieses Falles wurden immer abenteuerlicher. Gleich-
zeitig passten all diese Elemente hervorragend zu den Mor-
den. Den Indizien. Dem Profil de
s bestialischen Mrders ...
Sie brhte sich einen weiteren grnen Tee auf. Dabei erin-
nerte sie sich an ihr Gesprch mit Hlne Garaudy. Die Leite-
Im Englischen heien sie
. Es ist die
opischen Wldern der Region
Es drfte ihm schwergefallen
gegen konnte er ihnen am Boden ntzlich sein beim Sam-
meln bestimmter Frchte und der Ausschau nach Raubfein-
Ich gehe nie in den Wald. Weshalb werden sie Brllaf-
fen genannt?
Territorium. Sobald sie einen
Eindringling ausmachen, vertei-
sich beim Brllen ihre Mh-
zu einem O, was ihnen ein
sie offenbar nachahmen.
Im Moment kann er sich nur auf diese Weise ausdrcken
Jeanne sah auf. Sie erinnerte si
Praxis von Antoine Fraud widerhallte. Kein Zweifel: Das
Wald der Manen ...
Und sind sie auch innerhalb ihrer Gruppe aggressiv?
Ein Mnnchen lebt mit mehreren Weibchen und deren
Jungen. Das dominante Mnnche
n springt mit den anderen
nicht gerade sanft um. Im A
llgemeinen sind die Beziehungen
Das lsst Rckschlsse zu au
f den Zeitpunkt, zu dem er in
Er muss noch recht klein
Um beurteilen zu knnen, ob er seinen Entwicklungs-
rckstand nachholen kann, msste man wissen, woher er
kommt und in welchem Alter er
die menschliche Zivilisation
angestellt?
Ich glaube, man hat ihn ausg
Wieso sind Sie sich da so sicher?
Weil ein umsorgtes, von seinen Eltern gut genhrtes Kind
im Wald nicht berlebt htte. Die Zhigkeit Juans beweist,
Ich bin mir fast sicher, dass
Sie auf die Spur eines Verbrechens stoen werden. Einen Fall
von familirer Gewalt ...
gen. Auerdem war die Abschrif
sah auf die Uhr eine Swatch,
die sie als Ersatz fr die ver-
schenkte Cartier aus ihrer
Tasche gefischt hatte.
Hatte ihm die nchtliche Exhumierung einen so groen
Schrecken eingejagt? Hoffentlich war er nicht mit seinem
Jeanne wollte sich im Bad er
Hallo?
Reischenbach. Hab ich dich geweckt?
pochte, so als wolle es sich
in ihrem Traum heimgesucht. Seine Schreie. Seine Hnde.
Was willst du?
eckt, erwiderte der Polizist
kam ihr in den Sinn;
... Reischenbach kramte in se
inen Papieren. Daniel Taeb,
bungen in Tucumn. Aber er be
dass es sich um einen missgeb
Was fr Hirngespinsten?
Hab ich nicht verstanden. Ich hab ein Foto von ihm auf-
Estvez besttigt sich mein erster Eindruck. Autismus.
fest davon berzeugt, dass Juan zumindest eine Zeitlang von
Menschen aufgezogen wurde. So war er nicht im Geringsten
Spiegelbild ist. Es
Haltung zurck: auf allen vieren, mit gewlbtem Rcken, die
ganz gerade zu halten. Er lernt
zu mir aufsah, hab ich einen Schreck bekommen. Er hatte
einen irren Blick. Wie wenn i
hn der Blutgeschmack berauscht
besondere mit Holzbuchstaben. Wi
lung durch die Lebensumstnde
im Wald zum Stillstand ge-
kommen war. Sie kannte das Er
gebnis dieser erzieherischen
Bemhungen: Joachim war zu einem normalen jungen Mann
geworden, der jedoch in seinem Innern der Wolfsmensch von
chims wann war ihm dieser Name gegeben worden? Nichts
Bume. Oder Menschen. Vielleicht versucht er die Welt die
Tiere stehen, weil sie zu gro
Sge zu zerlegen und die Leichenteile in die Smpfe zu wer-
hat versprochen wiederzukommen ...

9. Dezember 1981

17. Dezember 1981

sich hinter all dem ein Geheimnis verbirgt.
Zum neuen Jahr hat mir Gott ein wunderbares Geschenk
in Brssel beibrachte:
Manchmal verleiht er Affen
ben in den Bumen beziehen. Ei
nur Angst und Bedrohung gekannt. Tritte und Schlge in sei-
ner Adoptivfamilie. Kratzer und Bisse unter den Affen.
er sich nicht erinnern. Er st
dieser Flucht und seinem Leben unter den Affen her.

9. Februar 1982

also begonnen. Aber worauf wird sich sein sexuelles Verlan-
seine Buchstaben. Juan scheint die Regeln eines Rituals zu
Pellegrini war wieder da. Die erforderlichen Dokumente
liegen vor. Der Adoptivvater ist Admiral Alfonso Palin, ein
Mitglied der argentinischen Militrjunta. Ein Henker, der zu
Jeanne las nicht weiter. Ihre Hnde zitterten. Es war noch zu
frh, um alle Informationen in diesem Tagebuch mit den Er-
dem fand seine Verhaftung unter
Die Ladinos mussten sich be
verspielen wollten. So wurde de
r Priester auf freien Fu ge-
Sein Geheimnis schwarz auf wei niederzuschreiben. Ich habe
lesen und muss mir eingestehen, dass ich ziemlich naiv gewe-
Selva de las Almas
htte es gedauert, bis die Kultivierung abgeschlossen gewesen
wre?
s bei Fruchtwasser. Drei Ta-
Am Abend des 3. Juni kehrt Ne
lly also zu ihrer Kultur zu-
obe eine Kennnummer und fotogra-
fiert die Chromosomen. Knnten
einer Kennnummer suchen? Eine Referenz, die weder auf den
Namen eines Patienten noch auf
glaube, dass Nelly das Foto ausgedruckt und die Bilddatei
Ich habe die Kennnummer, mu
rmelte Pavois nach eini-
gen Sekunden. Das Material wurde um 1.24 Uhr morgens
benutzt. Also am 5. Juni. Sonst habe ich nichts. Keinen Na-
men, kein Bild. Es wurde alle
s gelscht bis auf die Num-
mer, die sich nicht lschen lsst.
Nelly hat nur den Ausdruck behalten. Sie musste wegen
Wieso sind Sie da so sicher?
Weil sie Ihre Antwort kannt
lie ihre Telefonnummer und bat um Rckruf ohne groe
Aus Juan, dem Wolfskind, is
t Joachim geworden, ein fn-
Jorge de Almeida hat ihr ei-
re ein Werk, das die Bildhaue-
rin allein aus ihrer Phantasie erschaffen hat. Tatschlich ist es
ihr der Paloanthropologe zukommen lie. Genau das, was sie
auch in Viotis Atelier gemach
schen Frhform des Menschen abstammt. Der Schdel bei-
spielsweise muss dem Schdel des Proto-Cro-Magnon-
erreste im Nahen Osten und in
Wie dieser da?
Der Psychiater stellte Frage
sie nach Guatemala gekommen
Fraud wusste also alles.
e Rollen vertauschen?, frag-
te er lchelnd zurck.
s Sie suchen. Was ich nicht
wei, ist, wieso Sie sich freiwill
ig in dieses Wespennest bege-
Wespennest.
Haben Sie Lust auf einen Tee unten?
e es sich auf der Glasveran-
da bequem gemacht, whrend der Regen auf das Hotel-
schwimmbad prasselte. Beide Hnde um ihre Tasse ge-
schmiegt, beschloss Jeanne, die
Ohne Lge und ohne Auslassungen. Vom
Praxis bis zur Exhumierung des
terwelt aufrtteln ...
Zum Schluss fasste sie ihre Er
kenntnisse noch einmal zu-
sammen: Der Mrder hie Joachim Palin. Er war der Adop-
tivsohn von Alfonso Palin, einem Admiral, der Mitglied der
r. Joachim hatte drei Morde
in Paris begangen und in Managua einen, um sein Geheimnis
Menschentyps tief in einem Wald in Argentinien ...
dass man ihn wegen einer banalen Sexgeschichte abgehrt
cht zu empren, und die Entschlossenheit
dieses Gesicht wieder, das sie bei ihrem gemeinsamen Besuch
der Ausstellung ber die Wiener
seiner Stimme und seiner aufmerksamen Zugewandtheit pass-
te. Aber eine gewisse Kraftlo
sigkeit des Gesichtsausdrucks
missfiel ihr. Diese Miene passte nicht zu der Willensstrke,
die man brauchte, um in einem derartigen Fall auf eigene
Faust zu ermitteln.
Und Sie?, fragte
sie schlielich.
Der Psychiater ergriff das Wo
rt und sprach in einem be-
Wir sind demselben Tter auf der Spur, Jeanne. Ich bin
formationen, die Sie nicht hatten. Dinge, die mir der Vater
persnlich mitteilte. Zunchst einmal ihre Namen: Alfonso
und Joachim Palin. Ihre Geschichte in Argentinien, zumindest
teilweise. Ich wusste, dass Jo
achim nach der Tragdie der
mpo Alegre geflohen war und
im Wald berlebt hatte Palin
hat mir allerdings nie von ei-
nem Volk im Wald der Seelen erzhlt. Vermutlich wei er
ein Serienmrder.
Auerdem erfuhr ich von Joachims Plan, nach Nicaragua
zu reisen. Sein Vater wusste
Eduardo Manzarena treffen wollte.
Wann wurde Ihnen klar, dass Joachim ein Mrder ist?
Da war zunchst, freitags, die Warnung des Vaters. Zwei
l ber die Ermordung Francesca
Tercias im
die Wahrheit gesagt hatte. Sein Sohn war zur Tat geschritten.
Da er mir nie seine Telefonnu
mmer gegeben hat, konnte ich
mich nicht mit ihm in Verbi
Das Prestige der Amtstracht
... Sie tragen doch bestimmt
Nie. Ermittlungsrichter nehmen
nicht an Prozessen teil.
Sie verstummten. Alle beide berrascht von der Wendung,
die das Gesprch genommen hatte. Mitten in einem Albtraum
Meine Reize?
Unterschtzen Sie sich nicht.
Was haben Sie dann gemacht?
Am nchsten Tag habe ich ber Eduardo Manzarena re-
trtiert. In der Zwischenzeit las ich die franzsische Presse
und fand heraus, dass Joachim vor dem Mord an Francesca in
kam ich nicht weiter. Ich hatte keine Spur, kein Indiz, nichts.
Und es war unmglich, in dieser Stadt Joachim und seinen
Der Psychiater schwieg. Es war der Moment der Entschei-
dungen. Freunde oder Feinde? Ve
macht zu haben.
Der Schdel?
Ja, und andere Fragmente von Fossilien.
Was soll das Revolutionre an diesen Knochenfunden
sein?
fragliche Schdel soll Merkmale des Proto-Cro-Magnon-Men-
bgen und Kiefer ... Diese affenhnlichen anatomischen
Merkmale sollen beweisen, dass schon vor 300 000 Jahren
Frhmenschen auf dem amerikanischen Kontinent lebten.
Vioti erinnerte. Die Homo
ch das Seitenfenster. Der Fl-
die zwischen den Wolken zum Vo
rschein kam: Buenos Aires.
Die Rckkehr in diese Stadt, in die sie sich damals auf ihrer
Tour durch Lateinamerika geradezu
e, htte Jean-
anderes mehr denken als an die
s Kapitel Mittelamerika be-
schlossen hatte: die Existenz eines archaischen Volkes am
Ufer einer Lagune in der arge
Doch Jeanne konnte sich nicht mit dieser Vorstellung an-
und wieder wurde in Zeitschriften oder im Fernsehen ber
tisch noch nie zu Gesicht bekommen hatten. In Amazonien, in
Papua-Neuguinea. Aber Jeanne war gengend in der Welt
herumgekommen, um zu wissen, dass solche Entdeckungen
heute nicht mehr mglich waren. Nicht im Zeitalter der Satel-
liten, des Kahlschlags der W
lder, eines massiven Abbaus
ren Lebensweise auf Barbarei
tige Mrder, die bei Zeremo-
nien, die direkt einem Horrorfilm entstammen konnten, Frau-
die Psychiatrie, die Psychoanalyse und diesen berhmten
, von dem er Jeanne bereits erzhlt hatte.
a? Der Klan im Wald? Alfon-
so Palin? Oder sein leiblicher
Vater, zweifellos ein politischer
Gefangener, der in den Kerkern von Campo Alegre umge-
bracht worden war? Nur eines war sicher: Joachim war von
Jeanne hatte Fraud aufmerksam zugehrt. Je lnger er
sprach, umso weniger glich er dem Mann ihrer Trume. Er
n und vor allem unbedacht. Er
er sich eingelassen hatte. Ausger
stet mit seinen Theorien und
lizist einige Worte in dem
gentinien ist.
Es war so, als wre seinem Mund eine Comicstrip-
Regen aus Sternen, Glimmer-
plttchen und Funken ... Trotz der anstrengenden Ermittlun-
, Sykomoren und Lorbeer-
bume, die mit ihren leichten Sc
Die ganze Stadt vibrierte. Der Klang eines Beckenschlags in
der Wintersonne.
Jeanne sah nicht nur dies. Mit den Straen, den Gebuden,
wind. Die blauen und malven-
farbigen Bltenmeere der
Bume. Der Verkehrs-
lrm, der am Abend auf der Plaz
ger Lorbeerbume mit der
Dunkelheit verschmolz ...
Calle Arroyo Nr. 932. Jeanne bezahlte das Taxi. Fraud
zckte seinen Geldbeutel nicht leicht. Im Schatten waren es
sie hatte sich noch immer
ber den Wipfeln der Bume aufragten, strahlten eine auer-
sie sich meh-
rere T-Shirts und Polohemden ber. Sie hatte sich fr zwlf
menschenleeres Geschftsviert
el, wo auf einem kleinen Ra-
es aufragte. Ringsherum war-
fen Gebude im amerikanischen Stil ihre Schatten. Das Vier-
tel strahlte eine herzzerreiende, tragische Einsamkeit aus, die
eine beinahe metaphysische Angst auslste.
Der Wagen fuhr in engere, be
gitterte Balkone, mit blhenden Bschen verzierte schmale
Fenster. Und berall die Sonne. Zwar matt und gedmpft,
aber immer noch sozusagen auf dem Sprung. Hier das Auf-
von allen Amnestien profitiert zu haben. Unter der gegenwr-
afte juristische Aufarbeitung
r der Luftschleuse und werfen
von Gefangenen verschwinden auf diese Weise. Abgeworfen
Dennoch fhrt gerade dieses massenhafte spurlose Ver-
schwinden zu einer breiten ffentlichen Auflehnung in Bue-
nos Aires. Schon 1980 fordern wtende Mtter Auskunft ber
das Schicksal ihrer Kinder. Wenn sie tot sind, soll man ihnen
erreste bergeben. Diese Frau-
en werden zu den berhmten
llig Die verrckten Weiber
vom Mai-Platz. Sie demonstr
ieren unermdlich jeden Don-
nerstag gegenber der Casa Rosado, dem Prsidentenpalast.
So werden sie zum Symbol ei
gen teilzunehmen.
in den Siebzigern mit Brstenfri
es ffentliche Anprangerungen!) Auf ihrer ersten Reise hatte
Jeanne an einer dieser Kundgebungen teilgenommen. Diese
alten Frauen mit weien Kopft
zum Klang ihrer Trommeln laut
ten, hatten einen tiefen Eindruck auf sie gemacht.
zumindest deren Namen zurckzugeben.
worden, die am besten ber ihre
hatten Akten, Archivmaterialien und Organigramme zusam-
mengestellt. Sie kannten die Adressen der Folterer in Buenos
Aires. Die Tricks und Kniffe, mit denen sie sich der Justiz
gangscode fr das Haus Nr. 157 kannten, mussten sie zehn
Minuten warten, bis jemand aus dem Gebude kam. Ihnen
quemen Flugstunden forderten ihren Tribut.
Auch im Innern wirkte alles verwaist. Ein endloser Gang.
Graue Wnde. Ein brauner Boden mit eingelassenen weien
Fliesen. Eine Tr nach der anderen alle vollkommen gleich.
Sie gelangten zum Aufzug ei
nem Lastenaufzug mit einer
Gittertr. Dritter Stock. Wieder
ein Flur und eine Flucht von
Jeanne lutete. Keine Antwort. Schon wollten sie ins Hotel
kaum zu. Er trat zurck
Kommen Sie herein! Ich hei
e Carlos Escalante. Auch
ich bin Journalist. Man hat mir die Broschlssel gelassen,
damit ich meine Recherchen durchfhren kann.
Interessiert Sie das Thema?
Ja, wir wollen dem Problem ein eigenes Kapitel widmen.
Ich meine mich zu erinnern, dass mehrere Tter verurteilt
Man muss ber die Identitt
Carlos Escalante bat sie, an
einem Tisch Platz zu nehmen,
auf dem mehrere Rechner stan
ten freigesprochen worden waren. Sogar Jorge Rafael Videla
e als Drahtzieher der Entfh-
schuldig gesprochen. Heute nehmen diese Flle eine merk-
wrdige Wendung. Einige Kinder haben ihre Adoptiveltern
Jeanne versuchte sich diese albtraumhafte Welt vorzustel-
len. Frauen, die in den Folterzen
tren niederkamen. Kinder, die
man wie Weihnachtsgeschenke be
tzt auf die Anklagebank zerrten
und sich mit Gebeinen identifiz
Sind Sie bei Ihren Recherchen auch auf einen Fall gesto-
Pellegrini.
Das Lcheln kehrte zurck:
? Kein Problem. Man braucht nur die Zeitung
Escalante rollte auf seinem B
rostuhl durch den Raum wie
schublade zu kramen.
Buenos Aires: Palermo Chico.
Glauben Sie, dass er m
it uns sprechen wird?
Aber klar! Pellegrini ist das
Generle. Ein Gromaul. Ein
recht charismatischer Typ. Zumi
list reichte ihnen den Zettel, au
hatte.
verziert mit rechteckigen Trm
ber dem Rasen ragten Trau
chen, erhabene Sykomoren auf. Darunter hantierten Kche,
gekleidet wie franzsische Kchenchefs weie Kochmtze
und weie Schrze , mit ganzen Bergen von Fleisch. Die
Gste Pellegrinis warteten in aller Ruhe mit Tellern in der
te Damen im Kostm zu treffen. Noch so ein Klischee ... Das
Ganze erinnerte eher an eine
Garden-Party in einem Club-
House in Miami. Trotz ihres hohe
Da sind ja meine kleinen Franzosen!
Sie wandten sich zu der Stim
me um, die gerade diese Wor-
te auf Spanisch geschrien hatte. Ein Hne in dunkelblauer
Fleecejacke und tadellos geschni
ttener weiter Jeans steuerte
graues Haar, ein Schnurrbart,
Stahlwolle erinnerte, elegante
Brille mit Golddublee-Gestell. Di
ese metallischen Linien un-
seines Gesichts. Ein krftiges
Raubtiermaul, das stndig in Bewegung war.
mochte
Wer hat Ihnen meine Adresse gegeben?
Wir haben nur ...
Alles Nutten!
der Fuchtel der Obernutte Cristina Kirchner stehen! Wussten
nrrischen alten Weiber mit
gigantischen Summen unters
ttzt? Whrend das Land am
Cristina Fernandez Kirchner war ihrem Ehemann im Amt
das Paar den Obersten Gerichtshof reformiert hatte, der da-
Pellegrini kaute das Fleisch mit krftigen Bewegungen.
in Anspruch zu nehmen. Aber
passenden Worten, um Admiral
Blut. Und damit musste er
klarkommen ... Auch wenn die
katholische Kirche damals die Ausmerzung subversiver Ele-
mente guthie.
Der Oberst hatte den Mund schon wieder voll. Rindfleisch.
Ich erinnere mich an eine
fort. Zu Beginn der Diktatur, im Jahr 1976, hat Palin an den
vuelos
teilgenommen. Sie wissen, was das ist, oder?
das wurde in Algerien entwic
Trinquier in seinem Werk
Marineoffizier war, kam es
auf einem der ersten
zu einem Zwischenfall. Im Flug-
wusstsein verloren hatten, wurden
Wie ein Scheibenwischer schwenkte er sein blutiges Mes-
Doch das hat ihn nicht davon abgehalten, weiterzumachen
und, unter anderem, die Miliz Tr
beit.
men. Die Argentinische Anti-
kommunistische Allianz. Eine rechtsextreme terroristische
, ist er Admiral geworden.
hwer. Er wurde zum Chef des
Informationsamtes ernannt. Da musste er sich die Hnde nicht
mehr schmutzig machen. Und dann hat er die Psychoanalyse
entdeckt.
In Argentinien liebt man dieses Zeug. Seine Analyse hat
Jeanne stellte sich vor, wie Admiral Alfonso Palin, oberster
Foltermeister, Serienmrder, Kopf der antisubversiven
Suberung, jede Woche seinen Analytiker aufsuchte, um sein
Es war Zeit, zum Kern der Sache zu kommen.
Wir wissen, dass Alfonso Palin Sie 1981 aufsuchte, als
Was ist passiert?
fuhr Pellegrini in ruhigerem
kamen in den Kerkern nieder. Offiziere schenkten ihren Lieb-
mmissar adoptierte ein Kind,
um sich fr seine alten Tage ei
teroffiziere verkauften Suglinge an reiche Familien. Videla
wollte Ordnung in diesen Saustall bringen. Also hat er Palin
anstalten geboren wurden?
Zum ersten Mal mischt
Aber ... und die Mtter? Die
Mtter der Neugeborenen?
Wohin?
Jesuit namens Pierre Roberge
ihn in seine Obhut nahm. Im
Mrz 1982 ist Roberge mit dem Kind nach Guatemala geflo-
trauliche Liste der Geburten sa
h, auf der die Namen der weib-
lichen Gefangenen standen, hat er ihren Namen entdeckt. Er
nahm diese Neuigkeit ohne sichtbare Regung auf.
sche, die auf dem Tisch stand,
den Eindruck, als wrde jemand Benzin in ein offenes Feuer
gieen.
Mistkinder!, brummte er, nachdem er sein Glas in einem
Zug geleert hatte. Wir htten
sie alle umbringen sollen.
SEORA CONSTANZA? Me llamo Jeanne Korowa.
Nach der Rckkehr ins Hotel
len. Sie hatte sich in ihr Zimme
ren wichtigen Spur in diesem Fall nachzugehen: dem Schdel,
den archaischen Frhmenschen,
die mglicherweise berlebt
hatten, Jorge de Almeida ... Gege
Wald der Seelen und dessen geheimnisvolle Bewohner nicht
Um 16.00 Uhr hatte sie beim Institut fr Agrarwissenschaft
in Tucumn angerufen. Keiner
Noch immer Sonntag. Jeanne hatte nur einen Wachmann er-
oder seinem Assistenten mit dem Reischenbach gesprochen
eines Satellitentelefons entlo
cken knnen, das mit einer Gra-
Kilometer von Tucumn ent-
tanza, eine Pa
Nach einigen ergebnislosen Versuchen bekam Jeanne sie
Pfeifen des Windes lie darauf schlieen, dass sich die Exper-
Mit wenigen Worten stellte
sie sich vor und kam dann
gleich zur Sache:
Kennen Sie Jorge de Almeida?
Guter Anfang. Zwischen zwei Windsten korrigierte sich
die Frau:
t. Im Schneidersitz auf ih-
Kommunikationsmittel. Wussten Sie, dass man diese Region
Mensch erst vor 30 000 Jahren aus Asien nach Nordamerika
das niemand. Aus diesem Grund
ist er wieder losgezogen. Wtend. Auf der Suche nach unwi-
eine ltere Dame in einer
vllig in der Landschaft aus Felsen und Kakteen auf, in der
mineralische, ausgedrrte, ero-
dierte Welt, wo es nur Fossili
kosten waren in Argentinien sehr niedrig. Im brigen hatte
Rest ihrer Ersparnisse auf ihr
Allerdings hatte er nicht m
it der Wachsamkeit des Wolfs-
n tosendes Stimmengewirr den
Raum. Die Atmosphre einer Pariser Brasserie zur Stozeit,
merikanischen berschwang.
Ich habe mich geirrt. Das
war mir schon frher klar. Eine
ten Persnlichkeit, die sozu-
und Englisch. Seine primitive H
lfte experimentiert mit der
Sprache und gebraucht sie in hnlicher Weise wie ein Autist.
kung?
cht einig. Aber das ist in die-
lebend einzufangen?
Ich muss ihn studieren, um ihn behandeln zu knnen. Es
gibt keinen Zweifel mehr, Jea
deutenden Entdeckung im Bereich
Joachim. Durch das Volk im Wald der Manen!
Um ihn wieder auf den Teppich
heimnis seines Volkes. Aber viel
Und sein Aufenthalt im Wald? Der
Morde? Die Feststellungen Ihres Jesuiten?
Indirekte Beweise. Nichts,
Jedenfalls, stie der Psychiater zwischen den Zhnen
anderes brig, sagte sie, um
das Ausma der Entscheidung herunterzuspielen. Aber zu-
erst mssen wir nach Tucumn, um
am Institut fr Agrarwissenschaft. Laut Penlope Constanza
ist er derjenige, der Jorge de Almeida am besten kannte, zu-
mindest seine Forschungen.
Tausend Kilometer nordw
Fliegen wir?
Ich habe heute Abend die Flge gebucht.

Der Flugplatz war das genaue Gegenteil. Alles im Ta-
schenformat. Der Raum fr di
e Gepckausgabe glich einer
Diele. Die Empfangshalle einem Wohnzimmer. Der Ausgang
um das Gepck abzustellen und zu duschen. Aber es gelang
ihr am Gaumen, ihre Augen
waren schier erschpft vom A
nblick der unendlichen Weite
der Landschaft, ihre Haut schimmerte golden im Licht der
Ohne sich umzudrehen, empfahl der Mann das Catalinas
einer Hand, um anzudeuten, dass
es ein Fnf-Sterne-Hotel sei.
Fnf Sterne?, murmelte Fraud. Das wird uns ein Ver-
fallen in Argentinien leicht
vom Himmel.
linas Park, das gegenber dem
Sie lchelte zrtlich. Die Klim
Territorium. Diese Vlker waren nach altbewhrter europi-
derpuppe glichen. Furchterregende Madonnen mit bleichem
ten mit langen Brten. Kelche, Kreuze, Bibeln und Alben er-
innerten an alte landwirtschaf
tliche Werkzeuge, mit denen der
Glaube auf dem neuen Kontinent verbreitet und kultiviert
Wir mchten mit Ihnen ber Jorge de Almeida sprechen.
Sein Verschwinden steht mg
licherweise in Zusammenhang
mit einer Mordserie, zu der wir in Frankreich ermitteln.
Taeb warf sich in eine Tnzerpose.
cker in seine winzige Tasse.
Er war so lebhaft wie ein Fisch im Wasser.
Glauben Sie, dass er tot ist?
Der Anthropologe zuckte m
den Kaffee umrhrte.
Das war voraussehbar. De Almeida war besessen.
Wovon?
Dieser Region ... Dem Noreste, dem Chaco ...
Wir wissen, dass er dort bedeutsame Entdeckungen ge-
macht hat.
an unseren Grabungsprojekten beteiligen wrde. Von wegen!
Er kam nur zu uns, um seiner
der Provinz Formosa. Eine absurde Hypothese.
Schon Constanza hatte Zweifel geuert. Taeb trank sei-
nen Kaffee in einem Zug.
Trotzdem ist es ihm gelungen, die Gelder fr eine erste
er fort. Im Jahr 2006. Eine
mehrmonatige Rundreise.
argwhnisch. Als htte Jeanne ihm absichtlich verschwiegen,
ogische Kenntnisse hatte.
Ich bin keine Expertin, mein
habe mich nur informiert.
ckte mit dem Kopf. Er be-
Daniel Taeb rumte also se
nn man ihm handfeste Indizien
prsentierte.
Kommen wir zurck zu den Grabungen de Almeidas.
Er wollte die Gegend ein drittes Mal erforschen. Aber
Universitt Buenos Aires waren
Hat er sie aus eigener Tasche bezahlt?
Genau. Er wollte einige Fakten berprfen. Und was kam
dabei heraus? Er ist spurlos
stehen, was ich meine.
Sie mit den Leuten vor Ort weitersehen. Das ist das Ende der
Ausdruck benutzte, dann musst
gottverlassene Gegend sein. Wieder
hatte sie gezahlt an ih-
ren Kontostand dachte sie nicht mehr. Wie immer bar, denn
die Argentinier mgen keine
Kreditkarten. Das grenzenlose
ihr ebenso? Nein. Die Gefhr-
tion um nicht von ihrer geradezu
selbstmrderischen Dimension zu sprechen hatte sie wieder
war sie in erster Linie Richte
rin. Eine Richterin mit khlem
um im Rckspiegel den Fahrer
zu betrachten. Er war ein Mes-
tize halb Indio, halb Europer. In seinen Gesichtszgen
spiegelte sich die langsame
In kaum besiedelten Landschaften wird eine Tankstelle nicht
von Verkehrslrm umtost, sie
Auf dem Rckweg zum Wagen ka
m Jeanne an zwei Indios
e bis auf die Schultern fielen,
verstrmten einen Geruch von ge
mhtem Gras und vergorener
Milch. Im Schein des knstlichen
Schon lange war der Asphalt dem Lehmboden gewichen.
chim auf. Joachim war noch das Kind auf dem Foto. Die Haut
berzogen mit einer Kruste aus Speichel und Dreck, an der
Nicht?
Nein. Ich will nach Campo Alegre.
Trotzdem will ich dorthin.
Wozu?
Um den Wald der Manen aufzusuchen.
Sagen Sie mir, wie man dorthin kommt.
Der Schleppkahn hlt nicht an! Wir sprechen hier von
hwemmtem Land. Ein Labyrinth
von Smpfen und
Vollkommen menschenleer.
Subtropische Wlder. Die me
es sich um die Seelen der Lage
die von den Kaimanen gefressen wurden.
waren. Zaunpfhle.
Matacos, oder?
Das ist ein abflliger Name, den ihnen die Spanier gege-
ist ein kleines Grteltier, das im
Klan Toba, Pilag, Wichi ...
Wie sind sie?
Wie leben sie?
Auf traditionelle Weise. Jagd, Fischfang, Sammeln.
Verwenden Sie Urucum?
Was?
Eine Pflanze, deren rote Samen zur Krperbemalung
die ersten Bume vorzuwagen.
res, schreckliches Krchzen.
Ein Brllen, das berall im
Campo Alegre war ei
ne Geisterstadt.
Sie trafen gegen Mitternach
stampftem Boden, staubverweht.
Htten aus Leichtbausteinen
sich fr den nchsten Morgen
um Viertel vor acht. Das Schiff
um halb neun.
ormalitten in einer Art
Dmmerzustand hinter sich. Ei
der Psse, Vorkasse, die Schlssel. Sie hatte keine Lust, mit
noch einmal Revue passieren. Als sie die Aufnahmen von den
selbst befriedigte ... Noch einmal durchlebte sie die Scham,
Aber das lag hinter ihr. Wie
viele Tage hatte sie sich nich
t mehr selbst befriedigt! Dank
chen Dinge nicht mehr erscht
tern. Mitten in diesem Alb-
traum fhlte sie sich reingewa
schen, gelutert. Ganz und gar
eins mit ihrer Mission, das B
Sie ist seine Gttin. Seine Venus.
Beto?
Das Innere der Htte bot einen angenehmen schattigen Un-
gemehl lag in der Luft.
Jeanne ersphte die Hngematte.
Beto?
Er war da, den Hut auf dem
Gesicht, eingesunken in dem
den Tod noch schwerer gewor-
Matte bis zum Boden durchhn-
Jeanne blickte auf ihre Uhr.
Und er? Lassen Sie ihn hier? O
richtigen?
In der Tr drehte sie sich zu Fraud um.
Welche Polizei? Es wird drei
Niemand wird eine Verbindung
Es verschlug ihr den Atem, als sie das erkannte, was offen-
kundig war. Ihr Traum war kein Traum. Als sie das Gefhl
gehabt hatte, in ihrem Zimmer zu
sie gesehen hatte, wie sich der von Pflanzenresten bedeckte
Joachim ber sie beugte und sie
Nhe des Kap Tenaro, wo sich der Sage nach ein Zugang zur
Unterwelt der Rio Bermejo fhrte. Dem Wald der Manen?
Dem Volk des Thanatos? Es sei denn, dass ihre eigenen Er-
mittlungen ein Teil der Unterwelt waren. Wer immer sich
Grausamkeit und Gewalt, aus der es kein Entrinnen gab.
ihren Weg zu kreuzen. Aber
sie empfand nichts. Sie hatten di
e Leiche einfach zurckgelas-
Der Kahn fuhr gemchlich; langsam schob sich das ge-
schftige Treiben und das Gewirr der Stimmen unter den
Wipfeln der Bume, die sich hoch ber dem Fluss einander
zuneigten, durch den tropischen Dschungel, der nichts mit den
Palmenmeeren gemein hatte. Jeanne kannte das Phnomen.
Die feuchte Umgebung der Flsse
Als die Passagiere spter in
verschmolz, dessen horizontale Linie jedoch zu gerade, zu
regelmig war, als dass er pflanzlichen Ursprungs htte sein
e Augen zusammen. Einge-
rahmt vom Flechtwerk des Dsc
Wie viel?, sagte Jeanne ein weiteres Mal, in der Hitze

Jeanne machte kehrt.
nis. Aus einem unbekannten Grund hatte diese Frau die Basis
Hier kamen Kinder zur Welt, oder?
Jeanne wollte ihre Chance nicht mit unntigen Vorbemer-
rem mechanischen Tonfall:
Campo Alegre hatte eine Kr
folterten behandelt wurden, um sie am Leben zu halten. Ein
heime Entbindungsstation.
Catarina war vermutlich seit Jahren keinem Weien mehr
... Diese Kinder kamen erst dann richtig zur Welt, wenn sie
indung ein Arzt zur Seite?
Doch nicht in Campo Alegre
mit ihnen amsieren. Also hatten sie sich ein Spiel ausge-
dacht.
Seit dem Beginn ihres Gesprchs hatte sich Catarina nicht
Was machten sie mit dem Neugeborenen?
Ein Arzt kmmerte sich um es.
Und ... die Frau?
Umgebracht, an Ort und Stelle. Der Knall der Waffe war
Jeanne sammelte ihre Gedanken. Noch ein oder zwei Fra-
gen, und die Frau wrde schweigen. Sie wrde in ihre Welt
Waren Sie 1972 auch schon hier?
Erinnern Sie sich an eine Ni
ederkunft zu dieser Zeit? Vor
dem Beginn der Diktatur?
Die erste dieser Art. Die Soldaten haben mit dieser Frau
Kannten Sie ihren Namen?
keine Namen hatten.
Und das Kind?
. Es wurde von einem Soldaten der Kaserne
adoptiert. Garca, ein Taugenichts, ein Sufer.
Wissen Sie, was dann mit dieser Familie passiert ist?
Garca hat 1977 seine Frau umgebracht und dann Selbst-
wurde gemunkelt, er habe im Dschungel berlebt. Er habe
sich in der Wildnis durchgeschl
agen. Aber die Wildnis, das
war Campo Alegre.
Einige Jahre spter hat man das Kind dann gefunden. Er-
innern Sie sich daran?
Ich erinnere mich an Alfonso Palin. Er kam, um den Jun-
gen zu holen. Das war 1982. Aber Joachim war mit einem
Jesuiten aus dem Dorf fortgegangen.
Wussten Sie, dass es sein leiblicher Sohn war?
Es gab Gerchte. Es hie, Palin habe in Buenos Aires mit
der Mutter des Jungen geschlafe
n. Er wollte das Kind zu sich
holen. Pellegrini, der Kommandant
der Militrbas
Wie das?
Catarina nickte mit dem Kopf
. Ein Rasiermesser schien die
hneiden. Eine Art Lcheln.
Als er erfuhr, was man seiner
Wen?
ss die Offiziere sie gleich
Sie sind in dieser Welt gest
orben. Nicht im Wald der Ma-
sind menschenfressende Geister.
Sie rchen sich. Wenn Sie
sie sehen, gren Sie sie von mir. Sagen Sie ihnen, dass ich
Joachim, das Kind des Bsen.
Mechanismus des Vater
Es gibt eine Estancia im Dschungel?
Wir sind in Argentinien. Es gibt immer irgendwo eine
Wem gehrt sie?
Wei nicht. Einem schwerreichen Mann. Einem Spanier.
Versorgung. Trger ... Diese Estancia wre die ideale Zwi-
nbekannte eintauchten. Bestimmt
wrde der Eigentmer oder Verwalter des Landgutes mit sich
Knnen wir haltmachen?
Sie sind wirklich stur. Dieses Schiff ist kein Bus. Kein
Stopp mehr bis Paraguay.
Wir haben uns doch schon mal geeinigt.
Der Kapitn seufzte. Von seinem T-Shirt warf Christoph
Kolumbus Jeanne einen bsen
kicherten. Jeanne kramte in ihren Taschen und legte eine wei-
tere Handvoll Geldscheine auf die Instrumententafel.
Behalten Sie Ihr Geld. Ich kann nicht mehr anhalten. Die
Strmung ist zu stark. Das Manver wrde zu viel Treibstoff
Und wenn wir das Beiboot benutzen?
Die Estancia hat mit Sicher
scheid. Wir springen mit dem Typen von vorhin ins
tor surrte neben dem fahrende
auf, das man ihnen vom Deck
Minuten erreichte das Schlauc
Nein. Aber ich sehe immer schlechter.
Arm Frauds auf ihre Schulter
und griff mit ihrer linken Hand
nach dem Koffer. Die beiden machten sich wieder auf den
Weg, wie zwei Kriegsversehrte,
che Ziel ihrer Reise zu erwhne
dachte an argentinische Bffel,
die sich im Schlamm wlzten,
um sich vor Insekten zu schtzen.
Der Mann hie Fernando und kmmerte sich um das An-
mit der Hand abschirmend, lie sie ihren Blick ber die Um-
gebung streifen. Mit seinen
landwirtschaftlichen Gebuden,
seinen Koppeln und seinem H
In dieser Gegend spricht man von nichts anderem. Le-
wittere ihr Krper die drohende Gefahr, whrend ihr Geist sie
zeichen dafr zeigen. Ihr Krper war ihr animalischer Teil.
Erzhlen Sie mir von diesen Legenden.
Fernando griff nach einer Thermoskanne, die auf dem Bo-
den stand. Langsam gab er hei
Jeanne trank ihren Kaffee. Mechanisch nahm sie eines der
m Tisch stapelten. Sie biss hin-
ein. Der bittere Geschmack eri
das sie in Paris zum Frhstck a.
tern bebten.
langen, begann er. Man muss geradewegs nach Norden
Mit dem Boot?
Ja, mit dem Boot. Einer meiner Gauchos kann Sie dorthin
aufnahme der Tierarten ma-
kommen Sie nicht weiter. Ein weiterer Tag fr den Rckweg.
Wird Ihr Mann mich begleiten?
Gewissen hat. Heute kmmert er sich um den Schutz von
Bumen und Krokodilen.
Alles fgte sich zu einem Bild. Alles machte Sinn. Jeanne
s Marineoffiziers. Er hatte
ystem, in dem sein Sohn auf-
Alfonso Palin, sagte sie m
it tonloser Stimme, lebt
dort?
Er kommt manchmal vo
rbei, das ist alles.
Und auf welchem Weg?
Mit seinem Privatflugzeug. Er hat in der Nhe seiner Vil-
Knnten Sie meinen Freund Antoine Fraud whrend
meiner Abwesenheit bei sich beherbergen?
Wollen Sie allein aufbrechen?
Abgemacht?
Jeanne drehte sich um und erblickte Fraud, der wie ein
der Lagune. Aber er besa genug Waffen, um ihnen im Fall
Danke. Htten Sie diese Waff
e nicht lieber dem Mann in
der Truppe gegeben?
Jeanne riss sich zusammen, um sich nicht in den Nacken
zu schlagen. Man durfte niemal
s einen Blutegel zerdrcken:
Seine Mundwerkzeuge blieben dann im Gewebe stecken und
wanden sich im Schlamm. Sie tr
at sie mit den Abstzen hin-
abgestorbenen Bumen, die zu
Blumen sprossen aus dem Humus verfaulter Frchte. Epiphy-
ten ernhrten sich von dem Wasser,
die ihrerseits die Rinde der Bume aussaugten ...
Je weiter sie vordrangen, umso mehr Hindernisse mussten
ge aus Lianen. ber den Boden kriechende Wurzeln. Termi-
, lauwarme Flsse. Dann
wieder khlere, klare Sturzbche. Oder aber scharlachrote
Schlammlcher, in denen Jeanne und Fraud bis zur Hfte
dem Trampelpfad ein Tagesmarsch bis zur Estancia von Al-
ren. Sie machten auf einer Lichtung halt.
Schon im Halbschlaf dachte sie an Fraud, der reglos ne-
ben ihr lag und noch immer se
erinnerte sich, wie sie auf ei
Champs-lyses von einer leidenschaftlichen Liebesaffre mit
meinen knnen, die Diebe wren Geister gewesen, die sich im
sonne drang mit brutaler Gewa
me von einem ppigen Frhstck, von wunderbaren Tagen,
von Ausritten mit sich ...
Die Klimaanlage lief auf Hochtouren. Dass man bis auf die
tenuniform einer Elite-Hochschul
Oder in den Armen seines Vaters.
Der junge Mann nahm seine schwarze Brille ab. Seine Augen
Meine Augen vergieen Bluttrnen. Bestimmt das
dipussyndrom. Der Tter, der die brutale Gewalt seiner
lin, ein groer Mann mit sil-
bernem Haar, drckte seinen Sohn an sich, einen schmchti-
gen Jugendlichen mit gerunzelter Stirn. Der Psychiater, zwan-
zig Jahre jnger.
Wann hast du deinen Vater umgebracht?, fragte Jeanne
Ich habe ihn 1994 geopfert und verzehrt. Hier. Damals
viel gelesen. Vor allem
. Er hat sich nicht einmal gewehrt. All dies stand ge-
schrieben, verstehst du? Die
Erste Opferung. Die Urschuld.
Im brigen ist er an diesem Ta
in mich aufgenommen. Er lebt
Als Richterin musste Jeanne
mit einer Aufnahme begonnen.
Der CD vom Freitag, dem 6.
Joachim Palin. Genaugenommen vier, wenn man das Wolfs-
kind, das sich in dem argentin
ischen Anwalt verbarg, mitzhl-
te. Sie hatte diese Personen nie mit eigenen Augen gesehen.
Sie hatte sie um die einzige Pe
entitten in verzerrter Form
thartische Sitzungen. An ei-
nem Juniabend hatte sie eine dieser Sitzungen aufgezeichnet
elt, die sie beide im Rahmen
Bei ihm ist es sogar noch
Wen von euch?
Joachim Palin. Er hatte die Organizer von Nelly Barjac
und Francesca Tercia abgeglichen. Der Name Joachim stand
in beiden. Taine hat mich sonntagmorgens angerufen. Er war
in seinem Bro. Wir haben uns im Jardin du Luxembourg
wir dich mit den nicaraguanis
chen Polizisten bei Manzarena
Als die Menschen whrend der Vorgeschichte Zeichnun-
Unebenmigkeiten des Gesteins
mit in ihre Fresken ein. Fr
uns warst du eine solche Unebenmigkeit. Wir haben be-
zulernen. Einzelheiten unserer Geschichte zu entdecken, die
am ganzen Leib. Die Wahr-
zstrahl, der in einen Baum
Die Ungeborenen kamen nher. Jeanne wich zurck. Der
schockierende Anblick ihrer vernarbten, schrumpeligen, ent-
vilisierten Umgebung war unertrg-
lich. Sie war auf alles gefasst
gewesen einen Hinterhalt im
Wald, einen Kampf mit bloen
Wer sind sie?
Manche wurden von Kaimanen angefallen, die ihnen groe
Stcke Fleisch aus dem Leib
rissen, und berlebten trotzdem.
Sie haben sich sogar fortgepflanzt. Sie sind in den Smpfen
gesamte Menschheitsgeschichte bis zu ihren Anfngen durch-
Fraud ergriff wieder das Wort:
Der Mechanismus der Vter
des Thanatos! Das nur Inzest, Vergewaltigung, Vatermord
und Kannibalismus kennt ...
Auf einmal begriff Jeanne, dass Joachim schon frh nicht
Du hast als Kind deine Adoptiveltern, die Garcas, umge-
bracht.
Whrend ich sie opferte, lief
Porque te vas
im Radio ...
gemacht.
Da brauchte ich mir keine groe Mhe zu geben. Ihre Re-
gression war bereits in vollem Gange.
Du hast in dieser Gruppe Gewaltttigkeit, Grausamkeit
stand von Anfang an im Zeichen des Blutvergieens.
Der alte Palin schnaubte mit gekrmmtem Zeigefinger:
Das ist unsere Armee,
Vergleichbar einem Reaktorkern. Wir haben uns in die Ver-
Die Ungeborenen wrden diesen Weg als Erstes berpr-
fen. Sie wrden Jeannes Fuabdrcke im Schlamm entdecken
genauso gut wie seine Umge-
bung und wie jeden anderen Winkel der Lagune.
der Schmerz in der Brust. Eine jhe Erkenntnis:
Sie hatte kei-
Trotzdem klammerte sie sich
einzigen. Der Steuermann der
hatte ihr gesagt: Ich
komme morgen Abend zurck.
Gleiche Uhrzeit, gleicher
Jeanne lief weiter. Sie hatte
in ihren Rhythmus hineinge-
funden. Kurze Schritte, schnelles Atmen. Das Joggen im Jar-
hatte fnf Stunden, um zum Fluss zu gelangen. Wenn sie die-
sen Rhythmus beibehielt. Wenn sie nicht angegriffen wurde ...
Noch einmal kehrte der Kiefer
zurck, mit der Kraft eines
kam eine dritte Augenhhle. Jeanne feuerte noch einmal. Und
ein weiteres Mal. Drei blutige Lcher im Bffelschdel. Der
Jeanne wich zurck, noch immer sitzend. Von dem Blut
war es ihre eigene Wunde? ... Sie wlzte sich erneut zwischen
Blieben noch zwlf. Die anderen Magazine waren nicht mehr
in ihrer Jacke. Sie hatte sie
bei einem ihrer Strze verloren.
Sie riss die Kilometer herunter, ohne nachzudenken. Nur
Was hatten sie vor? Ihr Fallen zu stellen? Wollten sie sie le-
bend gefangen nehmen?
Sie schpfte wieder Hoffnung. In ihrem Blut, ihren Mus-
lierte ein geheimnisvolles Mo-
den Bumen, den Stmpfen und den Lianen verteilt. Das Haar
Lumpen und trugen den Schmuck primitiver Barbaren. Tier-
schdel auf dem Kopf, Mensche
nknochen um den Hals. Klei-
e sich allzu weit von dem Pfad
bume zu erkennen, die den Pfad sumte. Wenn sie diese
wieder das Festland erreichen. Ohne zu zgern, holte sie
Schwung und sprang. Eine Krte auf Seerosen. Eine Krte,
cher. Sie sah auf ihre Uhr. 15.30
war noch immer erreichbar. Im
Laufen zog sie das Magazin heraus, um zu berprfen, wie
Sie fand in ihren Laufrhythmus zurck. Palmwedel, Farne,
Sie wrden den hohlen Baum in der Nhe des Pfades in-
men und sie zweifellos in ihrem Versteck aufstbern ...
te sich. Es blieb ihr nur noch eine Stunde, um den Fluss zu
erreichen. Das war noch machbar,
Kamen sie nher? Jeanne warf
waren verschwunden. Gingen sie weiter Richtung Fluss?
Kehrten sie um? Nicht der Moment
, um sich Fragen zu stellen
Sie verkroch sich in ihrer H
hle, nur fr eine Sekunde, um
in diesem mit Borke verkleideten Uterus noch etwas Kraft zu
e eine Hitze, ein Atmen, eine
verstrende Intimitt zwischen den Armen dieses pflanzli-
chen Schachts.
verstrkt. Die Spalte hatte
kippt. Whrend sie diese Empf
kam sie schon die Antwort.
Unfasslich.
Die schwarze Wand
sicht.
tigem Fleischbrei berzogen war. 16.30 Uhr. Eine halbe Stun-
de. Ihr blieb eine halbe Stunde, um zum Fluss zu gelangen.
Der Gaucho musste glauben, dass sie am Einschlafen war.
Er begann leise zu singen, wie um sie einzuwiegen.
Mit geschlossenen Augen rief sie sich ihre einsamen
Grey's Anatomy.
Ihre Lexotanil, die sie mit Wei-
Im Grunde gar nicht so bel.
Ich erwarte von dir nicht, dass du mich verstehst (A. d.

































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